Come together, right now – Abschied von »Madame Bovary, allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie«, zum letzten Mal am 25.04.

Madame Bovary – mal anders, dank Clemens Sienknecht und einem großartigen Ensemble. Musikalisch und vor allem schreiend komisch. Wir nehmen Abschied mit einer Abschiedspostkarte und einer kleinen Nachforschung über die berühmtesten Seitensprünge der Weltliteratur. Spoiler: Sie sind nicht gut für die Gesundheit!

Come together (one last time).

Text von Anna-Katharina Müller

Wie man nicht fremdgeht.

Man nehme eine verheiratete Frau in guten Kreisen und gebe ihr etwas Langeweile und den Mut zum Seitensprung und schon hat man Stoff für Weltliteratur.

So haben es Theodor Fontane, Leo N. Tolstoi und Gustave Flaubert gemacht. In allen Fällen endet dies mit noch größerer Unglückseligkeit und dem Tod.

Die Berühmtesten Seitensprünge der Weltliteratur – so nennt Clemens Sienknecht seine Theaterreihe, in der er klassische Ehebrüche aus der Literatur nimmt und diese in eine Retro-Radioshow mit viel Witz verwandelt – »allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie«.

Die Idee zum ersten Teil der Reihe kam Sienknecht, als er Fontanes Effi Briest las und sich vorstellte, wie die Geschichte von einer Schallplatte, mit all ihren kleinen Macken, erzählt wird. Er hatte bereits in der Vergangenheit Bühnenformate im Radioshow-Stil aufgeführt und so lag es nahe, auch diese Inszenierung in diesem Stil auf die Bühne zu bringen. Der Zusatz mit anderem Text und anderer Melodie hatte Sienknecht ebenfalls bereits verwendet und er gab ihm den nötigen Freiraum, falls bei dem Stück doch etwas ganz Anderes herauskam als geplant. Ohne Musik kein Radio, also übte das Ensemble Lieder ein, die schon bald zur Verdeutlichung der Geschichte beitrugen.

Clemens Sienknecht startete in der Spielzeit 15/16 seine Reihe der berühmtesten Seitensprünge der Weltliteratur mit der Figur Effi Briest am Schauspielhaus Hamburg. Effi Briest – die junge Dame, die gleich beim ersten Treffen mit dem viel älteren Baron von Innstetten verlobt wird und diesen dann heiraten muss. Die vereinsamt und niemanden hat, dem sie sich zuwenden kann, bis ein neuer Mann in die Stadt zieht. Es kommt zum Kuss, der lange unentdeckt bleibt. Erst Jahre später entdeckt ihr Mann Briefe des Liebhabers und erschießt diesen in einem Duell. Effi wird von ihrem Mann und ihren Eltern verstoßen und stirbt schließlich vereinsamt an gebrochenem Herzen.

»Man spürt Effis gehemmten ­Lebenswillen in der apart arrangierten Liedauswahl, deren Cover von Coun­trygemütlichkeit bis zum entfesselten Souljaulen reichen. Von Iggy Pops Lust For Life über James Browns It’s a Man’s Man’s Man’s World bis zu Kiss von Prince. Sienknecht und seine Truppe führen den poetischen Realismus Fontanes intelligent und auf bitter ironische Weise ad absurdum, ohne ihn plumper Lächerlichkeit preiszugeben.« – Hamburger Abendblatt, 2015

In der Spielzeit 17/18 setzte Sienknecht seine Reihe in Hamburg mit dem Klassiker Anna Karenina fort. Der berühmteste Satz aus dem Roman ist wohl: »Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche ist auf ihre eigene Weise unglücklich.« Auch Anna Karenina ist mit einem viel älteren Mann verheiratet und ist mit ihrer Ehe nicht glücklich. Sie beginnt eine geheime Affäre, die sie bald schuldbewusst ihrem Mann beichtet. Sie lässt sich halbherzig darauf ein die Ehe zu retten, trifft sich aber weiterhin mit ihrem Liebhaber. Als Konsequenz trennt sich ihr Mann und erlaubt Anna nicht, ihr Kind zu sehen. Diese wird zunehmend unglücklich und auch in ihrer Beziehung zu ihrem Liebhaber findet sie keinen Frieden. Als letzten Ausweg schmeißt sie sich vor einen Zug.

»Dieser Abend bereitet nicht nur dem dauerkichernden Publikum gute Laune, sondern ganz offensichtlich auch den Schauspielern.« – Hamburger Abendblatt, 2017

Und dann ist da noch Madame Bovary. Für dieses Stück begab Sienknecht sich 2016 etwas weiter in den deutschen Süden, ans Schauspiel Hannover. Emma Bovary hat zu viele Liebesromane gelesen und langweilt sich daher in ihrer Ehe mit einem Arzt. Sie hoffte auf mehr Abwechslung, die sie erst bei einer Affäre finden kann. Nachdem diese endet und die Ehe gerettet zu sein scheint, kommt die zweite Affäre, die den Ruin bedeutet. Auch die Treffen mit dem heimlichen Liebhaber werden Emma Bovary schließlich zu langweilig und so versucht sie die entstehende Lücke in ihrem Herz mit teuren Einkäufen zu füllen. Die Schulden türmen sich und führen zum Ruin ihres Mannes. Da keiner helfen kann, sieht Emma keinen anderen Ausweg als sich das Leben zu nehmen.

»Schauspiel? Doch, schon. Musik? Viel. Gesang? Auch viel. Also ein theatralischer Liederabend? Nicht wirklich. Was hier in der Cumberlandschen Bühne läuft, ist ein eigenes Genre – und hat einen ebenso langen wie passenden Titel: Madame Bovary – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie.« – Neue Presse, 2016

Drei Frauen und drei Geschichten, die sich alle ähneln und doch grundverschieden sind. Auch in der Reihe von Clemens Sienknecht kommt es zu viel Abwechslung. Der Rahmen ist aber der gleiche: Eine Radioshow, eine tragische Geschichte einer Frau und viel Musik. Die Bühne und Kostüme maximal kitschig im 70er Jahre-Schick. Mitten drin: Clemens Sienknecht mit wilder Frisur.

Die Inszenierung seiner »Ehebrecherinnen«-Reihe ist auch in Hannover sehr beliebt. Als Zuschauer kann man nur gespannt sein, welchen brisanten Seitensprung Clemens Sienknecht als nächstes auf die Bühne bringt. Wir wünschen ihm dabei viel Erfolg.

Bis es soweit ist kann man sich am 25. April ein letztes Mal an Madame Bovary – allerdings mit anderem Text und anderer Melodie im Schauspielhaus Hannover erfreuen.

von Dorina Feé Höner zu Bentrupp

 

Madame Bovary – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie am 25. April 2019 um 20 Uhr in Cumberland

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