Die Theaterserie: Plädoyer für das Wagnis

Seit Beginn des Jahrtausends drängt eine Kunstform ins Zentrum des kulturellen Diskurses, die man vorher kaum als Kunst wahrgenommen hat: die Serie. Befeuert vom rapiden Wandel des Fernsehens durch DVD-Boxen und Streaming-Dienste eroberten Die Sopranos, The Wire, Breaking Bad, House of Cards und andere bereits ikonische Titel unsere Screens. Die Serie wurde als Roman des 21. Jahrhunderts gefeiert und als letzte Zuflucht der anspruchsvollen Erzählung, als Hoffnung in einer Zeit, in der das Kino gänzlich dem Blockbuster-Mainstream verfiel. Die Serie stieg auf zum popkulturellen Leitmedium unserer Zeit, wo sie nun verharrt und nach der üblichen 15-jährigen Verspätung mit Produktionen wie Babylon Berlin, Dark und 4 Blocks auch Deutschland erreicht hat.

Worauf lässt sich diese kulturelle Revolution zurückführen? Zum einen sicherlich darauf, dass sich Autoren und Showrunner endlich trauten den Zuschauer zu überfordern, sämtliche Konventionen des Erzählens über den Haufen zu werfen und uns Helden zuzumuten, die Mörder, Drogendealer und Alkoholiker waren. Und die wir genau darum liebten. Sie warfen uns in ein unüberschaubares Handlungsgewirr, das uns mit aussichtsloser Polizeiarbeit, intriganter Politik und raffinierter Kriminalität gleichermaßen konfrontierte. Sie nahmen uns mit aller Konsequenz die althergebrachten Pole der Narration: Anfang, Ende, Identifikationsfigur, Spannungsbogen, Gut, Böse, richtig, falsch.

Es ist genau diese Zumutung und Überforderung, die das Phänomen Serie für das Theater interessant und produktiv macht. Mit Eine Stadt will nach oben sind auch wir in Cumberland einen Weg gegangen, der den Zuschauer mehr fordert als umsorgt. Wir haben ihn auf harten Treppen sitzen lassen, sind durch Raum und Zeit gesprungen, haben Figuren unterschiedlich und doppelt besetzt, haben ästhetische Brüche zum Leitfaden des gesamten Projekts gemacht, haben uns gezwungen immer neue Blickrichtungen zu finden, um einem nicht zu verfallen: der Betulichkeit. Wir wollten keinen Roman nacherzählen, keine lineare und geschlossene Geschichte abliefern, wir wollten in einen Kosmos tauchen. Wir wollten nicht die Serie nachahmen, wir wollten ihre kulturelle Sprengkraft ins Theater holen. Wir wollten verstehen, was die Gesetzmäßigkeiten der Serie im Theater sind.

Eine Stadt will nach oben ist ein Projekt der Sehnsucht. Wie Karl die Stadt erobern will, so wollen wir das Theater erobern und die Serie hat uns zurück zum Kern dessen geführt, was wir sein müssen: ein Erlebnis. Ironischerweise ist das Wesen der Serie im Theater eben nicht die perfekte Narration, die geschlossene Nacherzählung, sondern der sich wandelnde Blick in einem konstanten Raum. Unser roter Faden, das war immer der Ort Cumberland. Der Inhalt unserer Folgen, das waren immer die Atmosphäre und die Erlebnisse, die in diesem Raum freigesetzt wurden.

Der Siegeszug der Fernsehserie konnte nur beginnen durch mutige Entscheidungen. Sicher geglaubtes Wissen über das, was der Zuschauer sehen will, musste über Bord geworfen werden, die Allmacht des Tatort und des Musikantenstadel musste gebrochen werden. Heute scheint uns nahezu alles möglich. Keine Idee, kein Plot scheint uns zu abwegig, kein Schauplatz zu uninteressant, kein Thema zu klein, keine Nische zu irrelevant. Es ist dieser Mut zum Ungewöhnlichen, zur Zumutung, zur Überforderung, den wir uns im Theater zu Eigen machen wollen. Eine Stadt will nach oben war ein ästhetisches Risiko, es war ein organisatorischer Husarenritt, es war eine Reise mit ungewissem Ausgang.

Das Prinzip unserer Staffel war der Staffelstab, den ein Regisseur vom nächsten übernahm und jeder trug mit dem Staffelstab auch immer die Arbeit der anderen mit sich durch die Spielzeit. Von der Hoffnung getragen, das Ganze möge größer werden, als die Summe seiner Teile, warf jede*r Regisseur*in seine bzw. ihre Kunstvorstellung in den Ring, sich bewusst vom vorhergehenden abstoßend oder annähernd. Auf der Suche nach Reibung, auf der Suche danach, die ästhetisch-künstlerische Schraube noch eine Windung weiter zu drehen. Es ist diese Sehnsucht nach dem Neuen und Unbekannten, die Eine Stadt will nach oben so faszinierend und besonders macht. Die Tatsache, dass mit Folge neun und zehn nun tatsächliche die erste Staffel der ersten Cumberland-Theaterserie vorliegt, ist ein Grund stolz zu sein und ein Plädoyer für das Wagnis.

Dieser Artikel von Hausregisseur Alexander Eisenach erschien als Originalbeitrag in der fünften Ausgabe des CUMBERLAND COURIER, der Zeitung zur Theaterserie Eine Stadt will nach oben.

Die Premiere von Eine Stadt will nach oben – Folge 9 + 10, unserem Staffelfinale, feiern wir am 17.03., es inszeniert Tom Kühnel. Nächste Vorstellungen: 21.03. + 04.04.

Illustration: Eugen Schulz

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