Dokumentartheatermacher Rabih Mroué zu Gast bei »Arabesques«

Arabesques hat am 4. März einen Gast, den besonders Theaterliebhaber*innen nicht verpassen sollten. Wer regelmäßig das Festival Theaterformen besucht, hat vielleicht sogar schon eine seiner Performances (klick) gesehen: Es geht um  den aus dem Libanon stammenden Theatermacher, Performer und Künstler Rabih Mroué.

Mroué gehört zu den eigenwilligsten Gegenwartskünstlern und ist einer der spannendsten Regisseure und Performer im Bereich des Dokumentartheaters und der dokumentarischen Performance.

Seine Arbeiten reichen von Tanzperformances über Theaterabende bis zu seinen sogenannten »non-academic lectures« und setzen sich häufig mit Gewalt und den Mechanismen von Märtyrerkult und politischer Propaganda auseinander sowie immer wieder mit der politischen Situation im Libanon. Aktuell ist zum Beispiel an den Münchner Kammerspielen Kill the audience (klick) zu sehen, wo er auf Basis der Kontroverse um Peter Weiss‘ Viet Nam Diskurs die Beziehung von Bühne und Publikum untersucht. Auch mit seiner Lecture Performance (klick) Sand in your eyes ist er weiterhin bundesweit an Theatern unterwegs.

In der gemütlichen Salonatmosphäre von Arabesques werden Rabih Mroué und Rania Mleihi über seine Arbeit reden, wie immer umrahmt von der Musik des Old Damascus Duo (Ahed Nofal, Hadi Andywi).

Im HEFT #26 Erinnern und Vergessen ist ein Interviewauszug mit Rabih Mroué erschienen:

FRAGE […] In Looking for a Missing Employee, versuchst Du sehr bewusst in eine Reihe von Narrationen, Gerüchten und Zeitungsausschnitten, Sinn zu bringen – aber dieser Versuch scheint keine Narration in die beschriebenen Ereignisse zu bringen, noch bringt es irgendeine Lösung hervor. Wäre das ein angemessener, fairer Kommentar zu der Arbeit?

RABIH MROUÉ Ja, das hast Du richtig beschrieben. Dieser Fall des vermissten Arbeiters (einer ist Rafat Suleiman), kann, außer in den Zeitungen, nirgends mehr aufgefunden werden. Er ist überhaupt nicht erwähnt worden, auch nicht in den Geschichtsbüchern oder politischen Büchern über den Geist dieser Zeit. Dieser Fall also, genauso wie viele andere im Libanon, endet, ohne ein Ende zu haben. Wir wissen nichts darüber, warum dieser Fall ad acta gelegt wurde. Was wir aber wissen, ist, dass das alles in einem korrupten Land passiert ist, in dem auch die Verwaltung korrupt ist. Es wurde unter den Teppich gekehrt und einfach weitergemacht, ohne irgendetwas aufklären zu wollen, ohne zu wissen, was wirklich passiert ist. Also habe ich versucht, alles was ich über diese Angelegenheit finden konnte zu sammeln, aus nationalen und lokalen Zeitungen. Und ich habe versucht diese Geschichte zu erzählen, die ganze Geschichte, ausgehend von dem, was in den Zeitungen geschrieben wurde. Ohne irgendetwas anderes zu tun, nur in dem man Tag für Tag die Zeitungen liest, versteht man schnell, wie dieses Medium funktioniert. Das interessiert mich, aber nicht, weil ich etwas enthüllen will, jemanden anklagen oder zeigen will, wie wir von den Medien manipuliert werden. Es geht mir vor allem darum, zu wissen und sich bewusst zu sein, wie Zeitungen und andere Medien funktionieren. Sie folgen derselben Logik wie Gossip und all die Plaudereien, weil man sagen kann, was immer man will und am nächsten Tag, oder auch nur eine Stunde später, kann man es sich anders überlegen und den Standpunkt komplett ändern. Es wird alles mehr wie ein ungezwungenes Gespräch oder eine normale Konversation behandelt, als wie ein unwiderlegbarer Fakt. Genau so etwas kann man bei Zeitungen erkennen: von einem Tag auf den anderen ändern sie komplett ihren Standpunkt und man kümmert sich nicht darum, sich zu entschuldigen oder eine Richtigstellung zu veröffentlichen. – Es ist so, als ob nie etwas geschehen ist, als ob es nie einen Widerspruch in der Nacherzählung der Geschichte eines vermissten Arbeiters gegeben hätte. Das ist sehr interessant – es ist keine Anschuldigung oder Anklage, sondern vielmehr eine Untersuchung, wie die Mechanismen funktionieren und wie man diese Art der unzuverlässigen Geschichtenerzählung verstehen und lesen muss.

FRAGE Das bringt mich zu einer weiteren Frage: Ich habe viel zu Deiner Arbeit recherchiert und oft stelle ich fest, dass es eine kritische Tendenz gibt, sie auf die Politik des Libanesischen Bürgerkrieges zu reduzieren und auf das Erbe dieses Bürgerkrieges. Das ist aber nur ein Aspekt, offensichtlich gibt es sehr viel mehr darüber zu sagen.

MROUÉ Ja, das ist ein Aspekt. Aber es geht nicht unbedingt um den Libanesischen Bürgerkrieg, sondern mehr um die libanesische Situation, um die Gesellschaft und Politik, weil ich eben da lebe. Ich glaube, dass man über Dinge sprechen kann, die man sehr sehr gut kennt, um sie dann zu dekonstruieren. Auf eine Weise also ist das natürlich alles sehr lokal verhaftet, aber wenn Du tiefer gräbst … – ich glaube, dass jeder die Arbeit anschauen oder verstehen kann, auch wenn man nichts über den Libanon oder die Thematiken weiß, über die ich spreche. Die Art und Weise wie Du als  Publikum, als Beobachter*in, mit dem Thema umgehst, lässt Dich sofort an Deine eigenen Zustände oder Probleme im eigenen Land denken. Es ist also ein Prozess der Übersetzung und Verlagerung. Auch wenn man viele Details über Beirut nicht versteht, übersetzt man es sofort in die eigene Situation.

FRAGE Also ist es fragwürdig, dass die Politik im Libanon hier so wichtig ist, die Arbeit beschäftigt sich vielmehr mit der Politik der Narration – was eine Narration tut, wie sie etwas interpretiert, wie sie eine eigene inhärente Politik hat zu Zeiten von Auslassungen, Lücken, offensichtlichem Stillstand und den Sackgassen, in denen wir uns befinden. Es geht darum, wie man die Narration liest (oder eben nicht liest) – es geht darum, wie man die Politik einer erzählten Situation entschlüsselt.

MROUÉ Da stimme ich zu und ich kann noch hinzufügen, dass die Narration unfertig, offen und voll mit Lücken ist, die gefüllt werden können. Und was auch noch wichtig ist, dass sie offen für Interpretationen ist, und nicht nur dafür, sondern auch für Missverständnisse, auch wenn es manchmal schwer ist, das zu akzeptieren. Das ist wichtig für jede Arbeit – das Potenzial, auch mal falsch verstanden zu werden.

FRAGE Ja, tatsächlich, eine Art Entzug des Verstehens, den Zuschauenden in eine Position zu bringen, wo er*sie nicht mit einer simplen oder einfachen Antwort davonkommt. Ich würde da noch eine Sache hinzufügen: Dadurch, dass deine Arbeiten oft in einer bestimmten Zeit angesiedelt sind, geht es nicht nur um die Politik der Narration, sondern vor allem auch um die Politik der Theatralität – was Theater mit dieser Narration macht. Ich erkenne in Deiner Arbeit Elemente aus Samuel Becketts Das letzte Band, wo ein Mann einfach dasitzt und einer Aufnahme von sich als jungem Mann zuhört und sich dabei an all die Zweifel, Auslassungen und Einsichten erinnert, die damit einhergehen … Ich kann auch Elemente aus Luigi Pirandellos Sechs Personen suchen einen Autor sehen. Beide beschäftigen sich mit der Dekonstruktion des Verhältnisses vom Publikum zum Stück, beziehen aber auch die Zuschauer*innen in den Prozess mit ein. Ich habe mich gefragt, ob das auch einen Einfluss auf das hat, was Du im Theater machst?

MROUÉ Ich sehe Theater als etwas sehr Offenes und ich weigere mich, eine Definition davon abzugeben, was Theater ist und bedeutet. Für mich ist Theater eine kontinuierliche Recherche und es ist immer fragend und denkend und nichts, das nach einer einordnenden Rahmung verlangt. Genau aus diesem Grund ist es wirklich ein Ort an dem wir über die Vergangenheit, die Zukunft und das Hier und Jetzt nachdenken können. Wir denken laut, wir bringen Ideen vor ein Publikum, das aus Individuen besteht. Das ist etwas, an das man sich immer wieder erinnern sollte, da es ja eine Ansammlung von Leuten ist, die meist im Dunkeln sitzt: Man muss sich immer mit jedem Einzelnen beschäftigen, anstatt nur mit der großen Masse. Das kommt von einer ganz einfachen Sache: wir müssen das Publikum nicht erfüllen oder belehren, wir müssen nicht in der Position sein, wo wir das Wissen oder die Macht haben zu sagen, was wahr oder falsch ist. Wir müssen keine Antworten geben. Das ist etwas, was ich immer versuche zu tun: Fragen stellen. Es ist ja nicht so, dass ich eine Frage stelle und ich die Antwort kenne, und eigentlich verstecke ich dieses Wissen. Nein, ich habe wirklich keine Antwort, ich habe nur die Frage. Oder ich zeige Zweifel auf, problematische Dinge, ohne so zu tun, als könnte ich all das lösen. Das bedeutet, dass jede*r im Publikum mit dieser Tatsache selbst umgehen muss. Auf diese Weise werden sie zu Individuen. Für mich ist Theater eine Plattform, wo man einen Dialog führen kann, wo man Ideen austauscht und wo es nicht unbedingt notwendig ist, dass dieser Dialog sofort während der Performance stattfinden muss, aber eben danach – nach der Performance. Es beginnt alles, wenn die Leute aus dem Theater gehen und die Schauspieler*innen die Bühne verlassen, dann fängt die Arbeit erst richtig an.

Das aktuelle HEFT liegt kostenlos im Schauspiel Hannover aus.

Foto (c) Housam Mcheimech

 

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