Dylan: A changin‘. Ein Soundcheck

»Dies ist der Anfang meiner Geschichte«. Mit diesem Satz beginnt das Stück nicht nur, an ihm hangelt sich die ganze Inszenierung entlang. Sechsmal meint man, eine Geschichte fange an, oder neu an. Doch es folgt keine stringente, biografische Handlung. Dem Abend wird erlaubt ein collagenartiges Konstrukt zu bleiben, das zwischen Western, Zirkus und Rockkonzert wechselt und damit ebenso vielfältig ist, wie der Lyriker, Maler und Sänger Bob Dylan selbst.

Über dem verwinkelten, provisorisch eingerichteten, von Spiegeln und Holzbalken dominierten Gerippe eines Ranchhauses thront die dreiköpfige Live-Band. Mit eigenen Dylan-Interpretationen begleitet sie den Abend musikalisch. Oder wird begleitet von den vier bleichgeschminkten Cowboyclowns, die das Publikum mit grandiosen Gesangseinlagen und starkem Ausdruck in den Strudel der Dylan-Assoziationen mitreißen. Dabei gibt es nicht einen Bob Dylan, sondern alle verkörpern diesen Gestaltenwandler oder zumindest einen Teil von ihm. Ob sitzend auf dem überlebensgroßen Totenschädel, in dem Wirrwarr des Häuserskeletts kletternd oder singend von dessen Dach – ständig begleitet sie eine Live-Kamera, die das labyrinthische Balkengebilde erst einsehbar macht. Über eine große Leinwand werden die einem Musikvideo ähnelnden Bilder übertragen, schaffen dadurch neue Perspektiven, ein Spiel mit dem Bühnenbild, den Spiegeln und den wechselnden Identitäten.

Nobelpreisträger Bob Dylan formte Literatur aus Literatur. Er bediente sich an der Weltliteratur, zitierte, kopierte und collagierte. Für diese Inszenierung entstand ebenfalls eine Textfassung aus anderen Texten. Worte von bedeutenden Schriftstellern wie Umberto Eco oder Clemens Meyer fließen in den Abend ein und bilden gemeinsam mit den musikalischen Höhepunkten den Rahmen des Stücks.

Doch es gibt einen Moment der Sprachlosigkeit. Mitten im Sprechen verstummen die Spieler*innen, sehen regungslos ins Publikum, keine Musik, auch die Kamera ist aus. Das Publikum wartet gespannt, dann ungeduldig. Aus der Stille schwappt ein unsicheres Lachen, vereinzeltes Klatschen ertönt, Unruhe macht sich breit, Verunsicherung bis zur Verärgerung. Ein inszeniertes, quälendes Schweigen, das schließlich von einer Zuschauerin unterbrochen wird. Sie schließt mit ihren Worten an die Spieler*innen an und spricht in die Stille: »Dies ist der Anfang meiner Geschichte. Ich bin 1941 geboren und dann ging es weiter«. Und dann geht es weiter. Ein faszinierender Moment, der bei jeder Aufführung neue Überraschungen aus dem Publikum bereithält und damit die Einzigartigkeit einer Theateraufführung feiert. Das Stück findet seinen Schluss in seinem Anfang. Es endet mit dem Lied mit dessen Worten es überschrieben ist: The times they are a changin‘.

Anna Schlote

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