Gastronomie, Philosophie & Extrawürste

„Feed your head – Ein gastrosophischer Abend“ stand auf der Karte, die ich am sommerlichen Sonntagabend an der Kasse des Schauspielhauses abholte. Während ich rüber zu Cumberland schlenderte, fragte ich mich, was der Abend wohl so bringen würde und was genau gastrosophisch eigentlich bedeutet.
Plötzlich wurde ich von mir entgegenkommendem Qualm aus meinen Gedanken gerissen. Erst dachte ich, dass Cumberland Feuer gefangen hatte und ich es nun womöglich niemals erfahre. Doch der große, rauchende Kugelgrill, der soeben neben die Eingangstür getragen wurde, machte mir klar, dass es wohl doch noch ein Fünkchen Hoffnung gab. Über die Idee zu grillen war ich hocherfreut. Denn es war einer dieser besonderen (fast schon heißen) Apriltage, an denen jeder vom neuerlich guten Wetter nach draußen gezogen wird und der Gedanke vom Ende des Winters allgemein für bessere Laune und Heiterkeit sorgt. Beim Betreten des Foyers stellte ich fest, dass die lockere Grillatmosphäre trotz des gedimmten Lichts auch drinnen keinen Abriss fand: Die ersten Eintrudler bestellten bei entspannter Loungemusik einen Drink bei der bezaubernden Barfrau und es entwickelten sich an- und aufgeregte Gespräche über das, was bevorstand. Alle nahmen langsam aber sicher ihre Plätze vor der groß gedeckten Tafel ein, die inmitten des Foyers aufgebaut war. Den großen, hohen Raum mit abendmahlartigem Bühnenbild zu erleben, war interessant, wo ich doch zwei Tage zuvor erst genau am selben Ort, aber zu späterer Stunde ausgiebig in der Calamari Moon Suite getanzt hatte.

Der Grill, sowie die Dekoration und der Fleischwolf auf dem Tisch ließen mich rasch schlussfolgern, dass es wohl von Vorteil war, dass ich keine Vegetarierin bin. Doch bevor ich mir darüber weitere Gedanken machen konnte, ging es auch schon los.
Es stellten sich uns vor: Gastronom Christoph Elbert, Schauspieler Andreas Schlager, Regisseur Alexander Eisenach und der Küchenchef der boca Gastrobar Florian Free, allesamt bekennende Fleischesser.
Der erste Beitrag von Alexander Eisenach, ein abgewandeltes, der Wurst huldigendes, urkomisches Vaterunser bestätigte meine Vermutung, dass wir wohl Würstchen essen würden.
Als direkt im Anschluss ein Ausschnitt von „Ritter der Blutwurst“, einem trashigen Dokumentarfilm über einen sehr passionierten Blutwurstproduzenten und seine Arbeit, gezeigt wurde, musste ich zwar viel lachen, hoffte aber auch, dass die sechs Vegetarier im Publikum, die sich zuvor als solche „geoutet“ hatten, das Ganze mit genau so viel Humor nehmen würden.
Jetzt, wo wir alle in das Thema eingeführt waren, ging es auch direkt zur Sache. Nach ein paar erklärenden Worten zu Wurst im Allgemeinen begannen Christoph Elbert und (vor allem) Florian Free damit, welche zu machen.

Getreu des Mottos drehte sich das ganze Abendprogramm dann auch darum. Bei jedem neuen Schritt des Prozesses wurde erklärt, was getan wird und warum. Jedes Mal bevor es auch nur ein bisschen langweilig werden konnte, wurde von diesem Front-Cooking dann gekonnt übergeleitet zu anderen Beiträgen, Gesprächen oder einem weiteren Abschnitt vom Film. Neben Kindheitserinnerungen, kulinarischen Vorlieben und Anekdoten war auch der Fleischkonsum ein Thema. Angenehmerweise ging es nicht um das Infragestellen dessen, sondern vor allem um Qualität und Herkunft des Fleisches. Endlich mal eine Debatte über Fleisch, die nicht von überzeugten vegetarischen Moralaposteln dominiert wurde, in der es um den Stellenwert von Fleisch in unserer Gesellschaft ging.

Der Abend gestaltete sich erfrischend kurzweilig und es war gefühlt kaum Zeit vergangen, als die Würste fertig für den Grill waren. Der offizielle Teil des Abends war nun beendet und alle gingen gemeinsam nach draußen vor die Tür, wo fleißig gegrillt wurde. Auf bereitgestellten Papptellern konnte dann jeder seine Wurst mit Senf und etwas Baguette genießen.
Ich bediente mich, setzte mich an die Bar und widmete mich dann voller Neugier und Appetit der ersten Wurst, deren Herstellung ich live mitverfolgt hatte.

Zugegebenermaßen war es eine der leckersten Würste, die ich je in meinem Leben gegessen habe. Und so ging es nicht nur mir, wie ich in den Gesichtern der anderen Gäste lesen konnte. Man konnte ihre frische Zubereitung sowie die einzelnen Zutaten, deutlich schmecken. Sie war in nichts mit der billigen Nettobockwurst zu vergleichen, welche Alexander Eisenach zuvor noch für eine eigenartige Sushikreation genutzt hatte. Das zuvor besprochene, nämlich dass die Qualität und Herkunft des Fleisches ganz essenziell für das Endprodukt sind, konnte jeder direkt am eigenen Leib erfahren.
Nach einer weiteren Wurst und netten Gesprächen klang der Abend allmählich aus und ich machte mich auf den Heimweg, ganz beglückt von dem unterhaltsamen Event, welches genau die richtige Mischung aus Gastronomie und Philosophie war. Gastrosophisch eben.

Fotos: Anna Sarachi

Die letzte Ausgabe von Feed your head in dieser Spielzeit ist am 22. Mai – Karten gibt es HIER.

Dieser Beitrag von Anna Sarachi erschien zuerst auf dem Blog des Schauspiel Hannover, www.schauspielhannover.blog

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