Harter Tobak statt locker-flockig: DIE GERECHTEN

Was ist eigentlich die Rolle des Theaters? Wozu geht man überhaupt ins Theater? Darauf bekommt man bestimmt, je nachdem, wen man fragt, eine andere Antwort.

Neulich besuchte ich eine Vorstellung von Die Gerechten und erlebte ein Stück, worüber sich die Verfechter des lockeren Entertainments wohl eher beschwert hätten. Wer vom Theater erwartet, unverfängliche Unterhaltung und Amusement zu bieten, einen Ort zum Abschalten und Sich-berieseln-lassen, dem kann ich Die Gerechten sicher nicht ans Herz legen.
Für all diejenigen hingegen, die sich das Theater als Institution vorstellen, die aufklärt, einen Ausgangspunkt für politische Aktion formt, Gesellschaftskritik übt und zu Debatten anregt, ist dieses Werk wie gemacht.
Das liegt an dreierlei Dingen: am Autor des Stücks selbst, Albert Camus (1913-1960), der bereits zu Lebzeiten als wichtiger Schriftsteller und Philosoph angesehen wurde, an der geradezu erstaunlichen Aktualität des Werkes von 1949 sowie an der Art der Inszenierung in Cumberland.

Die Handlung von Die Gerechten ist an eine wahre Begebenheit angelehnt. Zur Zeit des Zarentums in Russland formt sich aus Mitgliedern der Partei der Sozialrevolutionäre eine terroristische Organisation, welche im Kampf gegen die Autokratie versucht ihre Ziele mit Hilfe von Anschlägen durchzusetzen. Speziell behandelt das Stück ein Attentat von 1905 auf den Großfürsten Sergej, einen Verwandten des Zaren.
Vier Jahre später wurde das von einem Komplizen geschriebene Buch Erinnerungen eines Terroristen, mit Berichten über die Tat veröffentlicht. Als dieses dann 1933 ins Französische übersetzt wurde und Camus in die Hände fiel, inspirierte es ihn dazu, ein Theaterstück über das Attentat zu schreiben.
Camus hatte sich bereits in einem vorangegangenen theoretischen Werk (Der Mensch in der Revolte) mit dem Thema der Revolte befasst und las in den Berichten das ideale Szenario, um seine Argumentation mit den realen Charakteren weiter ausführen zu können.
Dementsprechend dominant sind auch die Dialoge im Theaterstück. Es ist mehr ein Thesendrama, das eigentlich kaum aus Handlung besteht.
Man könnte meinen, dass es bei so vielen Dialogpassagen etwas zäh werden könnte, aber dem ist nicht so. Zum einen bringt die Umsetzung auf der Bühne viel Abwechslung: verschiedene Kulissen und die Ausführung der Argumentation im Raum durch die überzeugend gespielten Rollen machen das Stück kurzweiliger. Zum anderen wird man gefesselt von spannenden Diskussionen zwischen den Charakteren, die sich in ihren Ansichten gut ergänzen, sich gegenseitig hinterfragen und so in verschiedenen Konstellationen für interessante Gespräche sorgen.
Dass die erörterten und gegenübergestellten Ideen, Interpretationen und Sichtweisen über und auf den Terror als Mittel der Revolution hochaktuell sind, bemerkt man nicht erst im Schlussmonolog der Dora, in welchem sie direkte Parallelen des Attentates von 1905 zum Jetzt zieht, sondern bereits deutlich früher. Es geht um zeitlose Fragen, wie nach Moral und Legitimität eines Anschlags, nach dem Sinn der Revolution und ihrer Grenzen. Bei jedem Schritt gibt es unterschiedliche Meinungen, ob es um Brüderlichkeit innerhalb der Organisation geht, um die Frage, ob in einer Revolution Platz für die Liebe ist, um die ersehnte Zukunft, für welche in der Gegenwart gemordet wird, oder um die Schuld, die man auf sich nimmt, wenn man zum Mörder für eine Idee wird. Gerechtigkeit, Freiheit, Aufrichtigkeit – auch darüber wird hitzig diskutiert. Denn wenn es um Grundsatzfragen geht, scheinen alle einen starken Standpunkt zu haben.

Alles in allem erwarten den Besucher aufregende Wortgefechte, die Erkenntnis, dass „Terror nichts für zarte Gemüter“ ist, und vielleicht sogar mehr Fragen als zuvor, denn eine echte Lösung für die angeschnittene Problematik bietet das Stück nicht. Wunderbar für alle, die sich auf einen intellektuellen Abend freuen, der mit ein paar Getränken an der Bar und ethischer Diskussion ausklingen könnte.

Die nächste Vorstellung läuft am 11.03.2017, Karten HIER.

Dieser Beitrag von Anna Sarachi erschien zuerst auf dem Blog des Schauspiel Hannover, www.schauspielhannover.blog

Foto:  Karl-Bernd Karwasz

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