HIROSHIMA-SALON – Ein Interview mit der Schauspielerin Sachiko Hara, die am 13.02. zum letzten Mal den Hiroshima-Salon in Cumberland hosten wird

Seit 2011 lädst du zum Hiroshima-Salon. Wie bist du auf die Idee gekommen, die Partnerschaft zwischen Hannover und Hiroshima künstlerisch lebendig werden zu lassen?

Ich wusste gar nicht, dass Hannover und Hiroshima Partnerstädte sind, als ich 2009 hier am Schauspiel fest engagiert wurde. Ich habe danach am Kröpcke die japanischen Zeichen für Hiroshima gesehen, da habe ich erstmals etwas von der Partnerschaft mitbekommen. Ich habe überall herumgefragt, warum die beiden Städte Partnerstädte sind. Keiner wusste, warum. Ich habe auch gehört, dass im Schauspielhaus keine Theaterstücke über Hiroshima aufgeführt wurden. Ich fand das sehr schade. Ich habe Judith (Chefdramaturgin Judith Gerstenberg, Anm. d. Red.) ein paar Vorschläge gemacht und ihr gefiel das Stück Little Boy, Big Taifun, was mich sehr freute. Als Vorbereitung auf das Stück habe ich mit Herrn Schmalstieg, dem vormaligen Oberbürgermeister Hannovers, ein Interview geführt, und er erzählte mir über die Anfänge der Partnerschaft, über Hiroshima, über den Überlebenden Toshihiko Hayashi, der seit 1968 damit beschäftigt war, eine Brücke zwischen beiden Städten aufzubauen. Ich sagte Herrn Schmalstieg, dass ich im nächsten Sommer Hiroshima besuchen würde, um es kennenzulernen. Ich komme selbst aus Tokio und wusste damals sehr wenig über Hiroshima. Herr Schmalstieg sagte, dass ich unbedingt Herrn Toshihiko Hayashi in Hiroshima sehen sollte. Herr Hayashi war geschäftsführender Präsident der International Youth Association Hiroshima und ich habe mit ihm im Hiroshima Friedenspark gesprochen. Er war damals schon sehr schwach nach einer Lungenkrebs-OP. Aber er hatte energisch über die Städtepartnerschaft und den Jugendaustausch zwischen beiden Städten seit 1970 gesprochen. Es war beeindruckend, dass er Hannover so sehr liebte, dass er sein ganzes Leben für diese Partnerschaft gegeben hatte. Einen Monat später kam er noch einmal nach Hannover, da haben wir noch ein Interview geführt, vor dem Rathaus von Hannover, und kurz danach ist er gestorben. Unser Video-Interview war sein letztes Interview. Judith und ich dachten, wir müssten dieses Interview allen Hannoveranern zeigen, damit sie sich immer an ihn erinnern. Denn die Städtepartnerschaft zwischen Hannover und Hiroshima ist wirklich etwas ganz Besonderes. Sie wurde für Frieden geschaffen. Es gibt über 50 Städtepartnerschaften zwischen Japan und Deutschland, aber keine andere ist aus der Friedensarbeit heraus entstanden. Es ist eine sehr wertvolle Beziehung! Aber ich habe bemerkt, dass diese Partnerschaft selbst in Hannover jetzt mehr und mehr vergessen wird. Es gibt schon viele Hannoveraner, die nicht wissen, dass ihre Partnerstadt Hiroshima heute eine große lebendige Stadt ist. Das fand ich auch sehr schade. Es gibt viele Möglichkeiten durch die beiden Städte auch die beiden Länder kennenzulernen. Es gibt auch viele Japaner in Hannover. Nach der Katastrophe von Fukushima wurde es nochmal wichtig, an die Tragödie Hiroshimas zu erinnern, um neu zu lernen, was wir für den Weltfrieden tun können.

Erinnerst du dich noch, wie viele Ausgaben es vom Salon schon gab?

Ich weiß es nicht genau, ungefähr 30 seit 2011, darunter auch Gastspiele in Berlin, Warschau, Tokio und Hiroshima.

Diese Ausgabe des Hiroshima-Salons wird die letzte sein. Was waren bewegende, berührende, spannende, lustige, schönste Momente bei den Hiroshima-Salons?

Das erste Format war eine Koch-Show. Ich habe Okonomiyaki, eine Spezialität aus Hiroshima, gekocht und die Gäste haben die Fladen gegessen und alle wurden große Fans davon! Das hat mich sehr gefreut. In Warschau gab es eine sehr beeindruckende Reaktion, weil die Leute dort wirklich sehr wenig über Hiroshima wussten. Die Schauspieler des Teatr Powszechny haben die Lesung Little Boy, big Taifun auf Polnisch gemacht. Ich verstehe kein Polnisch, aber ich habe bemerkt, wie beeindruckt die Leute dort waren. Die lustigste Ausgabe war die Cosplay-Karaoke im März 2012. Wir haben Karaoke gemacht, weil ich mehr junges Publikum locken wollte. Alle Cosplayer haben sehr schön gesungen, teilweise in perfektem Japanisch. Viele Cosplayer kamen danach zu jeden Salon. Dann haben wir immer als zweiten Teil des Salons eine Karaoke-Show eingebaut. Das ist die schönste, bunteste Karaoke-Show in Hannover, von jung bis alt, von Japaner bis Deutsche, vom Anime-Song bis zu japanischer Folklore.

Du bist zur Recherche nach Japan gefahren. Wie nimmst du, die du schon lange in Deutschland lebst, dein Heimatland heute wahr? Wie hat sich Japan verändert?

Ich bin im Januar 2001 von Tokio nach Berlin umgezogen. Danach lebte ich in Berlin, Wien, Hannover und jetzt in Hamburg. Aber ich besuche Japan jeden Sommer in den Theaterferien und auch im Winter, wenn ich frei habe. Also mindestens einmal im Jahr, und Japan ist immer ein bisschen anders. Aber nach der Katastrophe von Fukushima im März 2011 hat es sich wirklich sehr verändert. Oder mein Verhältnis zu Japan hat sich sehr verändert. Das hat auch auf den Hiroshima-Salon abgefärbt. Ich habe oft thematisiert, wie die Katastrophe meine Familie kaputt gemacht hat, obwohl keiner von uns gestorben ist oder verletzt wurde. Ich und meine Eltern und Brüder haben jetzt eine andere Sicht auf Japan. Ich wollte damals meine Familie nach Deutschland holen, aber keiner kam, sie dachten, Japan ist schon ok, auch mit Strahlung. Und jetzt hat Japan was Anderes vor: Tokyo Olympic. Wieviel Geld, wieviel Kraft fließen in dieses Sportfest, das ist verrückt. Und die Überlebenden der Katastrophe werden vergessen, viele wohnen immer noch in temporären Wohnungen. Bei einer solchen Situation denke ich, dass Japan heute in Not ist. Aber meine Familie und viele meiner Freunde denken das nicht. Ich finde jetzt immer, dass etwas nicht stimmt, im TV, in den Nachrichten, in den Zeitungen. Aber ich weiß nicht, vielleicht bin ich einfach nicht mehr geeignet, in Japan zu leben.

Was war das Auffälligste, was dir bei deiner Recherche, besonders in Richtung Hiroshima und Fukushima, widerfahren ist?

In Hiroshima: Das Interview mit Herrn Toshihiko Hayashi. Seine leidenschaftliche Jugendaustausch- und Partnerstadtarbeit zwischen Hiroshima und Hannover und seine Liebe zu Hannover.

In Fukushima: Der Farmer, der jeden Tag nach der Katastrophe Leichen eingesammelt hat. Er war immer heiter, aber als er erzählte, wie er seinen toten Onkel gefunden hat, musste er weinen. Er sagte auch, dass er niemals gedacht hatte, sein Land zu verlassen, obwohl es 30 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt ist. Er sagte, sein Land, das ganz lange schon seiner Familie gehört, sei wichtiger als sein eigenes Leben. Ich war schockiert. Als Tokioterin wusste ich gar nicht, dass es solche Gedanken in Japan gibt.

In Deutschland ist die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg mit all seinen Folgen sehr präsent. Wie ist die Erinnerungskultur in Japan? Besonders die Erinnerung an die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki?

In Schulen in Japan lernen wir nicht so viel, was Japan im Zweiten Weltkrieg getan hat. Japan war nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Viele Japaner bemerken jetzt, dass es wichtig ist, auch die Geschichte von der Täterseite aus zu lernen. Über die Atombombenabwürfe wissen die Japaner sehr gut Bescheid. Immer, wenn der August kommt, gibt es neue TV-Dokumentationen über Hiroshima und Nagasaki.

Du hast aus deiner Recherche die Soloperformance Hiroshima Monstergirl entwickelt. Was bedeutet der Titel?

Es gab früher wirklich „Hiroshima Girls“ (Hiroshima Maidens). Sie wurden beim Atombombenabwurf an ihren Gesichtern oder anderen sichtbaren Körperteilen verletzt. Mithilfe von Spenden aus Amerika konnten sie in die USA geflogen werden und haben Operationen bekommen. In Japan gab es schlimme Vorurteile ihnen gegenüber und es kam zu sehr unglücklichen Situationen. Einige sind in den USA geblieben. Das Monster kommt aus einer anderen Geschichte, die ich gelesen habe: Es ging um ein Mädchen, dessen Gesicht schwer verletzt war und das deswegen gemobbt wurde. Gemeine Kinder nannten sie „Monster Girl“. Meine Performance ist ein Komplex aus vielen solcher wahren Geschichten

Was erwartet das Publikum bei deiner Performance (Musik, Schauspiel, Tanz etc.)?

Ich als MonsterGirl spreche wahrscheinlich sehr wenig, aber die Leinwand erzählt viel mit Wörtern und Bildern. Ich spiele stumm, eine Mischung aus Pantomime, Butoh- und Noh-Tanz. Die gesamte Musik wird neu komponiert von dem berühmten japanischen Improvisationsmusiker Kazuhisa Uchihashi.

Es wird ca. 30 Minuten dauern, und man wird sehen, was nach dem Atombombenabwurf passiert ist, wie Überlebende Schwierigkeiten erlebt haben, wie sie wieder die Kraft zu leben bekommen haben, was sie sich jetzt wünschen. Die Texte zeigen nicht nur die Geschichte von Hiroshima, sondern von der ganzen Welt. Wir können zeigen, dass diese Katastrophe nicht nur in Hiroshima und Nagasaki, sondern überall in der ganzen Welt passieren könnte.

Ich habe letzten Sommer in Erdbeben. Träume an der Staatsoper Stuttgart einen Jungen gespielt, der bei der Katastrophe seine Eltern verloren hat und wegen des Traumas stumm bleibt. Ich habe viel Lob dafür bekommen und fand selbst, dass das stumme Spiel eine sehr starke Form sein kann.

Wo wirst du mit der Performance nach Hannover hinreisen?

Zuerst nach Poznan, wo ich eigentlich 2017 schon gastieren wollte und mit dem Theater gesprochen habe. Das Ziel von Herrn Hayashi damals war, den Friedensappell durch die Städtepartnerschaft auf der ganzen Welt zu verbreiten. Von Hiroshima hatte er nicht nur Hannover, sondern auch die Partnerstädte Hannovers erreicht, eine davon war Poznan. Herr Hayashi hatte Poznan oft besucht und die Wichtigkeit des Friedens bei den verschiedenen Veranstaltungen durch Sicht der Erfahrungen aus Hiroshima gezeigt. Dann im Hamburger Schauspielhaus, wo ich gerade fest engagiert bin. Danach am Züricher Schauspielhaus, in Berlin, Frankfurt, Düsseldorf, Stuttgart, Köln, München, Dänemark, Straßburg, Frankreich, Oslo, Warschau, also überall! Dann in Japan und Asien wie China, Korea, Taiwan, Singapur, Tokio, Osaka, Hiroshima, Fukuoka, Mito, ja, überall!

 Weißt du schon, ob du den Hiroshima-Salon an einem anderen Ort wiederaufleben lassen wirst?

Sehr gerne weiter in Hannover, wenn ich die Chance dazu habe. Hannover ist die einzige Partnerstadt Hiroshimas in ganz Europa! Also ich würde gerne immer wieder hierher zurückkommen, und würde dann von hier aus in alle Städte Europas reisen.

Hast du zum Abschluss noch eigene Gedanken, die du teilen willst?

Ich danke Judith Gerstenberg vom Herzen, dass sie mir immer vertraut hat und mich schon so lange den Hiroshima-Salon machen lässt. Ich danke auch dem Freundschaftskreis Hannover-Hiroshima, viele Mitglieder waren immer dabei und haben mir geholfen. Der Hiroshima-Salon hat eine schwierige Zeit überlebt, und zwar die Fukushima-Katastrophe. Jetzt ist das immer noch ein aktuelles Thema, da Japan noch nicht aus der Kernkraft ausgestiegen ist. Und es gibt noch Probleme mit dem Atomwaffenverbotsvertrag, in Deutschland gibt es noch Nuklearwaffen. Solche Probleme möchte ich auch weiterhin im zweiten Teil des Hiroshima-Salons thematisieren.

Interview: Ulrike Eberle

HIROSHIMA-SALON: HIROSHIMA MONSTERGIRL, Mi., 13.02.19., 20:00 Uhr, TICKETS

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