HOME.RUN – EIN STÜCK (ÜBER) IDENTITÄT

In Home.Run erzählt uns Hartmut El Kurdi anderthalb Stunden lang seine Familiengeschichte. Vor dem Stück habe ich mich gefragt, weshalb diese so besonders interessant sein sollte. Es dauerte bloß ein paar Minuten, bis ich erahnen konnte, wieso: In Wirklichkeit geht es nämlich um viel mehr als nur die Geschichte einer Familie, die man nicht kennt.

Nicht zu lang und nicht zu kurz lässt uns El Kurdi an den Ergebnissen seiner intensiven Recherche über die Migrationsgeschichte und Zusammensetzung seiner Familie teilhaben. Dabei ist es bemerkenswert, wie er diesen Bericht über seinen Stammbaum derart unterhaltsam zu gestalten weiß. Das liegt vor allem an der visuellen, musikalischen und szenografischen Untermalung des Erzählten. E-Gitarre und Kontrabass führen in das Stück ein und kommen auch später in einzelnen Passagen begleitend zum Einsatz. Mit vielen Bildern und auch einigen Videos ermöglicht er uns so wortwörtlich einen Einblick in seiner Familie. Wenn sich El Kurdi gemütlich an einen Picknicktisch setzt, einen Chai trinkt und baklavaessend seine Ausführungen fortsetzt, entsteht eine gar heimische Atmosphäre, wie früher, als man mit Oma die Fotoalben der eigenen Familie angesehen hat. Dass wir im Publikum auch Baklava angeboten bekommen, ist dabei das Tüpfelchen auf dem I dieser Geschichten-Erzähl-Stimmung gewesen.

Nun gut, aber was steckt denn jetzt hinter diesem netten Plausch von Onkel Hartmut über die bizarren Zusammenhänge seines interkulturellen Stammbaums?
Ich bin mir nicht sicher, wie es den anderen Zuschauern ging, jedoch war ich stellenweise überraschend ergriffen von dem, was dort auf der Bühne passierte. Es war kein „Boah-ist-das-spannend-ergriffen“, auch kein „Das-Baklava-ist-so-lecker-ergriffen“, vielmehr war es ein tatsächliches „Wow-das-geht-mir-wirklich-zu-Herzen-ergriffen“. Da ich selbst deutsch-iranischer Abstammung bin, sprach mir El Kurdi mit dem, was er rüberbrachte, aus dem Herzen.
Es gelang ihm, auf anschauliche Art dieses Gefühl zu vermitteln, das Menschen aus multikulturellen Familien sicher gut kennen und von dem ich mir vorstellen könnte, dass es schwer nachvollziehbar ist für jemanden, der keine multikulturelle Prägung hat. Es geht um die Ur-Frage aller Fragen, nämlich: „Wer bin ich?“. Eine Frage, mit der sich sicherlich jeder schon auseinandergesetzt hat. Trotz ihrer Weitläufigkeit (oder vielleicht gerade deswegen) sind die eigenen Wurzeln dabei vermutlich für jeden ein hilfreicher oder zumindest unterstützender Anhaltspunkt, um darauf für sich eine Antwort zu finden.
Doch was, wenn man gar keine fest verankerten Wurzeln hat? Was, wenn man keine 400 Jahre alte Eiche ist, sondern eher so etwas wie ein exotischer Efeu? Wie interpretiert man seine Wurzeln dann?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass uns Nationalität dabei weniger als Orientierung dient. Es ist gut und logisch Kulturen zu benennen und anzuerkennen, welche Eigen- und Besonderheiten sie ausmachen und zu porträtieren vermögen. Aber wenn diese durch die aberwitzigsten Zufälle aufeinandertreffen und sich vermischen, dann entsteht jedes Mal ein so schier komplexes und einzigartiges Gefüge aus Identität, dass man sich von vom Begriff der Nationalität lösen muss. Denn so simple Adjektive wie „deutsch“ oder „persisch“ reichen schlicht nicht aus, um die Summe der Erfahrungen, Einflüsse, Werte und Normen abzubilden, die der eigenen Persönlichkeit zugrundeliegen. Heutzutage gibt es mehr multikulturelle Familien denn je, wobei jedes Mitglied einer solchen über ein kulturell gesehen ganz individuelles Spektrum verfügt, aus dem sein oder ihr „Ich“ zusammengesetzt ist. Das führt dazu, dass ich mich als „Mischling“, sobald es um Identität geht, weder als deutsch, noch als persisch fühle, sondern eben einfach als das, was ich bin: nämlich ich selbst. Mit seinem Programm hat Hartmut El Kurdi es wunderbar geschafft, genau dieses Gefühl rüberzubringen. Danke dafür!

Foto: Anna Sarachi

Die letzte Vorstellung von Home.Run in dieser Spielzeit ist am 12. Juni – Karten gibt es HIER.

Dieser Beitrag von Anna Sarachi erschien zuerst auf dem Blog des Schauspiel Hannover, www.schauspielhannover.blog

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