Ich sehe was, das du nicht siehst: Die Theaterserie als immersive Theatererfahrung

Der sechzehnjährige Karl Siebrecht hat gerade seinen Vater verloren und damit nichts mehr, was ihn in seinem Heimatdorf hält. Er will kein Maurer werden wie sein Vater und auch nicht bei dem Dorfpastor in die Lehre gehen. Er will raus aus dem Dorf, in die große Stadt. Nach Hannover.
Hannover beherbergt zu dieser Zeit mit der Hanomag AG eines der größten Maschinenbau-Unternehmen und somit den größten Arbeitgeber der Region. Auch Karl findet mit der Hilfe seiner neuen Freundin Rieke eine erste Anstellung. Schnell stößt er in Gesprächen mit den Arbeitenden des Betriebs auf prekäre Arbeitsbedingungen. Ein Streik der Arbeitenden steht bevor.

2018. Chorgesang erklingt vom ersten Absatz der großen Treppe der Cumberlandschen Galerie. Ein hölzerner Sarg wird in das Sichtfeld der Zuschauenden getragen, abgestellt, wieder aufgenommen und schließlich die Treppe hinunter gestoßen. Eine Stimme ertönt aus dem Sarg.
Noch gefangen von diesen unterschiedlichen Lautlichkeiten, wird das Publikum im Takt der Anschläge eines Gehstocks auf Boden und Tisch von den sicheren Plätzen auf den Stühlen des Cafés vertrieben und auf eine gemeinsame Reise durch Cumberland geschickt, um die Geschichte des Karl Siebrecht zu erleben. 

EINE STADT WILL NACH OBEN zwingt die Zuschauenden dazu, ihre eigenen und gewohnten Seherfahrungen zu hinterfragen und überlässt sie der Scheu vor der Konfrontation der eigenen Sichtbarkeit. Dies ist sowohl auf die besondere Publikumssituation zurückzuführen, die lediglich ein Rasten anstatt einer statischen schauenden Masse produziert, als auch auf die Multiperspektivität auf das Geschehen. Zwei Live-Kameras, die die Handlung verfolgen und in ihrer Schnittfolge das Tempo vorantreiben, lenken den zuschauenden Blick auf die unterschiedlichen Monitore, die sich auf den Ebenen des Treppenhauses der Cumberlandschen Galerie befinden. Ein Gefühl des Ertappt-Werdens stellt sich in Augenblicken, in denen das physische Spiel in unmittelbarer Nähe ereignet, ein. Der Blick gleitet doch immer wieder zu den Bildschirmen anstatt auf das tatsächliche Schauspiel.
Gerade der Einsatz der Kamera unterstützt das Format einer Serie. Sowohl Schnittfolge als auch Farbästhetik und das Spieltempo vermitteln den Eindruck einer Produktion, die auch für ein Online-Streaming-Portal vorgesehen sein könnte. Dennoch werden die Zuschauenden in dieser Inszenierung immer wieder aus ihrer Komfortzone getrieben, indem von Figuren und Mitarbeitenden Anweisungen zum Standortwechsel kommuniziert werden. So entstehen neben einem relativ bekannten Blick auf die Bühne Dunkelheit und bietet schlechte Sichtverhältnisse. Eigentlich dazu einladend, sich eigenständig einen guten Standort zum Erleben zu suchen, verteilt sich das Publikum am Abend der letzten Vorstellung der Folge 1 doch nur schüchtern am Rand und sucht Distanz.

In folgenden Szenen wird hauptsächlich das Treppenhaus bespielt. Das Schauen wird durch Geländer und Säulen erschwert, was sich jedoch in das Motiv der Inszenierung – dem Spiel mit gelenkten Blicken – einfügt. Fantastisch bleiben die Augenblicke, in denen sich die Schauspielendenblicke denen der Zuschauenden begegnen und ein Gefühl des Entlarvt-Werdens hervorbringen.
Alexander Eisenachs Inszenierung der ersten zwei Folgen der Theaterserie funktioniert durch ein Wechselspiel von Nähe und Distanz. Auch die Unterschiedlichkeit der zwei Folgen untereinander fügt sich in ein strategisches Muster der Offenlegung von Inszenierungsprozessen.
Die Übertragung des von Hans Fallada in Berlin verorteten Stoffes (Ein Mann will nach oben) nach Hannover gelingt in der Cumberlandschen Galerie erfolgreich.

In den nächsten Folgen wird die weitere Geschichte des Aufstiegs des Karl Siebrecht von vier weiteren Regisseur*innen erzählt, die jeweils andere Ansätze, Schwerpunkte und Umgänge mit dem Stoff finden. Eine eindeutige Empfehlung für diesen Theaterabend und das immersive Erlebnis.

Dieser Text von Inke Johannsen ist zuerst auf www.schauspielhannover.blog erschienen.

Foto: Isabel Winarsch

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