»Im Schlaf steckt eine ungeheure Macht.« – Interview mit Autorin Beatrix Rinke zu ihrem »[Writer’s Studio]«-Abend »Schlafmodus«.

Das [Writer’s Studio] in Cumberland gibt jungen Autor*innen des Literaturinstituts der Universität Hildesheim die Möglichkeit, ihre szenischen Texte auszuprobieren – live, vor Publikum, mit professionellen Schauspieler*innen und eingerichtet von den Nachwuchsregisseur*innen des Schauspiel Hannover. Zu Anfang des [Writer’s Studio] werden alle Texte kurz vorgestellt, Publikum und die Jury des Schauspiels wählen dann die Besten aus. Beatrix Rinkes Text Schlafmodus gehört dazu. Am 23.03. wird er, eingerichtet von Antonia Kritzer, in Cumberland aufgeführt. Im Interview erzählt Beatrix, warum sie das Thema Schlaf als zentrales Motiv gewählt hat und wie sie an ihrem szenischen Text gearbeitet hat.

Liebe Beatrix, am Samstag, 23.03., wird dein Text Schlafmodus von Regieassistentin Antonia Kritzer eingerichtet. Kannst du kurz erzählen, worum es inhaltlich geht?

Es geht um Schlafrucksäcke, Federkernmatratzen und Satelliten, die die Welt für immer erleuchten. Inmitten eines verschlafenen Nests steht ein Haus, das eine dunkle Vergangenheit beherbergt. Hier finden sich San Diego, eine Matratzenverkäuferin, der Ebay-Interessent eines Schlafrucksacks und die Gründerin eines Helm-Start-Ups zusammen. Was harmlos beginnt, wird zum Kampf – rund um den Schlaf.

 

Warum dieses Thema des Schlafes, was verbindest du damit und warum ist der Schlaf zentrales Motiv?

Im Schlaf steckt eine ungeheure Macht. Die Macht des Rückzugs, des Vergessens, des Abschaltens. Kein Wunder also, dass unser Schlaf in einer ständig bewegten Welt immer stärker beeinträchtigt wird. Schlaflosigkeit zeichnet ganze Generationen. Aber es bleibt dabei: Der Schlaf kann einfach nicht produktiv genutzt werden. Für den Kapitalismus bleibt er eine Zeit, die verschwendet dahin schwindet. Und noch darüber hinaus befreit uns der Schlaf von all den Bedürfnissen, denen wir tagsüber nacheifern. Er muss für uns deswegen bleiben, was er ist: eine leere Zeit.

Ich persönlich habe das Glück, nahezu immer und überall schlafen zu können. Früher in der Schule war ich dabei ziemlich kompromisslos und wurde in der Abiturzeitung in die Top 3 der Meistschlafenden während des Unterrichts gewählt. Es ist allerdings ein immer seltener werdendes Privileg, keine Schlafprobleme zu haben. In der allgemein verbreiteten Insomnie kann sich die Unfähigkeit widerspiegeln, über unerträgliche Zustände, Diskrimierungen und Katastrophen einer globalen Welt die Augen zu schließen.

 

Was sind andere Themen, die dich beschäftigt haben und wie hast du diese im Text verarbeitet?

Alle weiteren Themen und Motive des Textes habe ich aus der Figur des Schlafs abgeleitet. So zum Beispiel das Bedürfnis nach Kontrolle. Meine Figuren tragen Helme und Airbags, schaffen den Schlaf ab oder wollen die Welt für immer erleuchten.

Wenn wir schlafen, machen wir uns angreifbar und verletzlich. Meine Figuren fragen deswegen auch nach Vertrauen. Sie haben Geheimnisse im Bett, in der Vergangenheit oder in ihren Träumen, und es gilt für sie auszuloten, welche davon im Dunkeln bleiben und welche ans Licht gebracht werden.

Auch Einsamkeit ist ein Motiv, das für mich aus dem Schlaf hervorgeht. Hinter dem Charakter San Diego ist die Angst vor der Einsamkeit eine treibende Kraft. Sie ist mit ein Grund für seine Entscheidung, nicht mehr zu schlafen und stiftet eine Menge Unruhe im ganzen Stück.

 

Im Vorfeld hast du dich mit den Essays von Jonathan Crary beschäftigt. Welche Rolle spielen die für dein Stück?

Eine sehr große – durch Crary, der über den Zusammenhang von Schlaf und Kapitalismus schreibt, habe auch ich eine ökonomische Perspektive auf den Schlaf gewählt. Besonders inspiriert hat mich seine These, dass wir im Schlaf von einer besseren Zukunft träumen können. Somit läge das Potential für eine Revolution und die Rettung der Menschheit im Schlaf. Eine schöne Idee, die ich aber auch kritisch betrachte, verleiht sie dem Schlaf eben doch einen Effizienzgedanken. Die Tatsache, dass wir aus dem Schlaf Kraft gewinnen, ist aber unwiederbringlich und rückt auch das Ende von Schlafmodus in ein neues Licht.

 

Wie gehst du als Autorin mit der Situation um, dass im Moment der Aufführung jemand anderes – im wahrsten Sinne des Wortes – Regie über deinen Text übernommen hat?

In Schlafmodus dreht sich vieles um Kontrolle. Aber sobald ich als Autorin im Publikum sitze, muss ich meinen Text ziehen lassen. Das Loslassen ist nicht leicht, allerdings ist es eine große Chance: so kann etwas Neues und Wertvolles auf der Bühne entstehen. Um für mich und meinen Text zu lernen, werde ich auf jeden Satz, jedes Wort warten, um zu sehen, wie es wirkt. Es gibt Szenen, bei denen ich beim Schreiben besonders bange, ob ich die richtigen Worte gefunden habe und ob sie so auf der Bühne aufgehen werden. Bei der Lesung meines Stückes letztes Jahr war das zum Beispiel ein Moment, in dem sich zwei Figuren annähern und ziemlich unbeholfen miteinander flirten. Ich hatte Angst, dass ich mich da völlig verzettelt habe. Aber die beiden Schauspielenden haben die Szene unglaublich gut getragen und meinen komischen Ansatz noch auf die Spitze getrieben. Am Ende des Abends war es meine neue Lieblingsszene. Ich freue mich also sehr auf den Samstag und hoffe, dass mir meine Aufregung keine schlaflose Nacht bereitet.

Dieses Interview würde via EMail von Anna-Katharina Müller mit der Autorin Beatrix Rinke geführt.

TICKETS für das [Writer’s Studio] mit Beatrix Rinke hier (Klick).

Further Projects