»Josef, was ist aus uns geworden? Alles, was wir konnten.« – Zur letzten Vorstellung von »Die Nacht von Lissabon« am 07.05.

Lieber Josef Schwarz,
als ich zum ersten Mal deiner Geschichte gelauscht habe, hast du sie an einem merkwürdigen Ort erzählt, zwischen Glas und Beton, es war dort kalt und steril. Deine klaren Worte haben in dem riesigen Gebäude gehallt, in dem jedes Fallen einer Stecknadel zu hören gewesen wäre. Die Menschen, die in diesem Gebäude arbeiten, haben sich wenig um dich und deine Geschichte geschert. Unablässig klappten Türen, fuhr der Fahrstuhl, waren Schritte zu hören und das entsetzliche Geräusch der Rollen von diesen Aluminiumkoffern, von denen man weiß, dass sie selten Gutes beinhalten. Du warst tapfer. Du hast deine Geschichte erzählt und dir deinen Ärger wohl dosiert anmerken lassen. Bei unserem Applaus warst du sichtlich erleichtert.
Seit damals ist einige Zeit vergangen und ich habe deiner Geschichte wieder und wieder gelauscht, nun an dem Ort, wo sie hingehört. In dem geschützten Raum, dort wo genau die richtige Menge Platz ist für deine Worte, dein Spiel und uns.

Wir haben noch eine Stunde, dann stürzt die Welt ein.
Josef, ich möchte dir danken für all die Male, an denen du dich vor uns hingestellt hast und uns wieder und wieder in den Bannkreis deiner Geschichte gezogen hast. Wieder und wieder habe ich gebangt, ob der Stuhl an der Wand dich wohl halten würde, habe gerätselt, wie du es schaffst, im genau richtigen Moment deine blutigen Hände aus der Manteltasche zu ziehen und ich bin an deiner Seite geflüchtet und gereist, habe getrickst, mich gewunden, unablässig und ohne zu hinterfragen auf das Ziel konzentriert. Ich habe an deiner Stimme gehangen und deinen Worten, die von der wundersamen, einzigartigen Kraft und der Verwirrnis einer Liebe erzählen, die sich wehren will, gegen die überbordenden Mächte von Krieg, Verfolgung und Schicksal. Du warst unbeirrt. Bis heute weiß ich nicht genau, was wohl diese Worte sein mögen, die man am Tage nicht sagt und die man in einem geordneten Leben auch nachts zu selten ausspricht.
Danke, dass du mir Helen vorgestellt
hast, in deinen Worten stand sie neben dir, war mitten unter uns. Eine starke Frau – ein Sinnbild für das volle Leben, für Mut und Maskerade.
Dafür, wie Liebe sein kann, für Leidenschaft und die unerträgliche Trauer im Herzen, den Kampf gegen sich selbst und den Moment, der gelebt wird.

Josef, was ist aus uns geworden?
Alles, was wir konnten. Und das ist genug.
Danke für deine Geschichte, Josef. Ich habe ihr so gerne gelauscht. Ihr werdet mir fehlen. Denn vielleicht kann niemand sie besser erzählen, als du. Ich weiß nicht, ob ich dir noch einmal zuhören kann, wenn du sie ein letztes Mal erzählen wirst, wieder an einem anderen Ort. Nah und doch ganz anders. Zu groß, zu weit. Für mich gehörst du genau hierher, nach Cumberland. Hier bist du zuhause.
Mach’s gut!

Text von Frederieke Tambaur

Die Nacht von Lissabon, zum vorletzten Mal am 26.04. + zum letzten Mal am 07.05. im Schauspielhaus

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