Keine Hausaufgaben. Wir können gehen. Schauspielerin Beatrice Frey verabschiedet sich von »Der Hals der Giraffe«, zum letzten Mal am 18.05.19

Ich mache mir keine Illusionen, heute ist hier Schluss, auch für mich.

100 Unterrichtstage, tausende Schüler, keiner gleicht dem anderen, ich kenne sie alle, nur die Besetzung wechselt, wer spielt diesmal mit? Wer bin ich heute?

Wer sind wir heute? Was haben wir erlebt? Welcher Klops, vielleicht Königsberger Klops, welcher Pudding, welche Beleidigung ,welch unverdauter Brocken liegt uns im Magen? An welcher Depression sind wir heute um Haaresbreite vorbei geschrammt oder eben nicht? Wer kennt unsere Trauer? Unsere uferlose Freude, unsere heimliche Ver-rücktheit? Unser Lachen? Unsere

unausgesprochenen Sehnsüchte, erotischen Fantasien? Was hat uns gestern das Herz zerrissen? Welche Wut hat sich im Gedärm verschlungen und trübt unsere Wahrnehmung? Wie aufmerksam sind wir heute, bereit zuzuhören, aufeinander zuzugehen, etwas zu erfahren, neugierig zu bleiben, bereit ratlos zu bleiben, ohne entsprechende Antwort? Wie groß ist unser tatsächliches Interesse, unsere sogenannte Offenheit, unsere Vorurteilsfreiheit, haben wir genug nachgedacht über Freiheit, Geschichte, wie gut oder miserabel haben wir geschlafen, wie sehr umklammern uns noch unsere Träume, steht uns unser Humor zur Verfügung, wissen wir wo wir ihn finden, sind wir noch mit dem Zermalmen unserer Beleidigungen beschäftigt, welche Ängste sitzen neben uns auf der Bank und sehen uns zu, haben wir die Liebe mitgenommen oder unterwegs vergessen…

Keine Klasse gleicht der anderen. Kein Unterrichtstag gleicht dem anderen, aber alle gehen vorbei; so auch dieser.

Fressen und gefressen werden. Eine wunderbare Reise haben wir miteinander gewagt und unternommen. Ich danke allen Schülern und Ole Walburg, der mir diesen Text von Judith Schalansky angeboten hat, Helen Danner, Birgit Klötzer, Pauline Knoblauch, Lucie Ortmann, die die Umsetzung ermöglicht haben. Wolfgang Denker, der nicht nur Treppenhäuser, Bühnen, auch Scheunen, Kulturräume und Schafställe hundertfach zum Leuchten gebracht hat. Martha Jackstien für ihre herzliche Beharrlichkeit und ihr Lachen. UND Uwe Heymann, der mich in all den Jahren immer kreativ, sozusagen rattenfürsorglichst, hilfreich, unterstützt hat.

Keine Hausaufgaben.

Wir können gehen.

von Beatrice Frey

 

Der Hals der Giraffe zum letzten Mal am 18.05.19 um 20 Uhr in Cumberland

TICKETS (ausverkauft; Restkarten eventuell an der Abendkasse)

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