»Kommt zusammen Leute, lernt Euch kennen«. Hartmut El Kurdi über »Arabesques«

Kommt zusammen Leute, lernt Euch kennen

Arabesques  – Rania Mleihi im Gespräch mit Künstler*innen über ihre Arbeit zwischen Heimat und Exil

Jeder hat so seine kulturellen Vorlieben und Referenzen, also Phänomene, die er oder sie heranzieht, um Kunst zu verstehen und einzuordnen: Goethe, Shakespeare, Hemingway, Brecht, die Romantik, die Moderne… was auch immer. Als ein politisch interessierter, nicht bildungsbürgerlich, sondern popkulturell sozialisierter Babyboomer ist meine Referenz – neben zum Beispiel den Beatles, Dylan, Walt Disney, David, E. Kelley und Hank Williams – das Ouevre der deutschen Band Ton Steine Scherben. Für manche verstörend, für mich vollkommen schlüssig. Denn für mich ist diese Band weniger wegen ihres Status als linke Agitationskapelle wichtig, sondern vor allem, weil ihre Songs/ihre Songtexte es schaffen, ebenso poetisch wie klar, direkt und in einem positiven Sinne »einfach« zu sein. In einem ihrer Lieder textet und singt Rio Reiser: »Reißen wir die Mauern ein / die uns trennen / kommt zusammen Leute / lernt Euch kennen«. Womit wir nach dieser etwas umständlichen Einleitung auch schon bei Rania Mleihis Gesprächsreihe Arabesques sind – denn genau darum scheint es mir bei dieser Veranstaltung zu gehen: Dass Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen – aber vielleicht ähnlichen Interessen – »zusammen kommen« und sich kennen lernen.

Im Zuge der sogenannten »Flüchtlingskrise« bildete sich ein inzwischen in verschiedenen Kreisen vorherrschendes Narrativ heraus, das grob zusammengefasst lautet: In den letzten Jahren kamen viele Menschen aus dem Orient in unser Land, Menschen, die uns fremd sind und denen wir fremd sind. Diese Menschen müssen nun lernen, wie es bei uns läuft, sich anpassen und sich dann hoffentlich integrieren…

Und das ist schon die positive Variante dieser Erzählung. Die negative lautet: Die beiden Kulturkreise sind mehr oder weniger inkompatibel, d.h. die Orientalen sind zum großen Teil gar nicht in der Lage und nicht willens, sich hier zu integrieren. Insofern war es ein Fehler, die Geflüchteten hier aufzunehmen, und es wäre ein noch größerer Fehler, in Zukunft weitere Einwanderung aus dem Nahen Osten oder aus dem muslimischen Kulturkreis zu erlauben oder gar zu fördern.

Nicht nur wegen dieser sich bis in bildungsbürgerliche Kreis ausbreitenden Haltung, aber auch wegen ihr, ist eine Veranstaltung wie Arabesques so wertvoll: Weil sie zeigt, dass und warum dieses Narrativ falsch ist. Schon die Gastgeberin rückt das Bild grade: Die Dramaturgin Rania Mleihi ist kein Flüchtling, sondern eine nach Deutschland eingewanderte Kulturarbeiterin, die eine profunde Theaterausbildung mitbringt und sich für ein Leben in Europa entschieden hat, bevor der Krieg in Syrien ausbrach. Deutsch lernte sie schon in Damaskus, u.a. aus Interesse an der Dramatik Heiner Müllers. Auch Mleihis Gäste entsprechen nicht dem Klischee: Manche sind Geflüchtete, manche nicht. Manche arbeiten seit Jahren international, manche haben schon vor ihrer Flucht für längere Zeit in Deutschland oder in einem anderen europäischen Land gelebt…

So zum Beispiel der Gast der ersten Veranstaltung Dr. Ali Souleman, den Rania Mleihi aus ihrer Zeit am Theaterinstitut von Damaskus kennt. Dort war er ihr Professor. Vor dieser Zeit promovierte Souleman in Oxford, wo er nun wieder seit einigen Jahren lebt und forscht. Oder Mey Seifan, der Gast der letzten Veranstaltung. Die Choreografin studierte in Frankfurt an der Hochschule für Darstellende Kunst, dann kehrte sie nach Damaskus zurück, arbeitete für das Goethe-Institut, kuratierte ein Tanzfestival und begleitete die syrische Revolution künstlerisch. Nun lebt und arbeitet sie in Berlin.

Das Entscheidende ist: Alle Gäste lernt das Publikum vor allem als Künstler*innen kennen. Auch wenn das Zusammenspiel und die Zusammenhänge von westlicher und arabischer Kultur oder die Existenz als Exilkünstler*innen in den Gesprächen eine Rolle spielen – bei manchen mehr, bei manchen weniger – drehen sich die Unterhaltungen vor allem um Kunst und das Kunstverständnis des jeweiligen Gastes. Und da stellt mancher im Zuschauerraum überrascht fest, dass wir hier nicht von völlig unterschiedlichen Koordinatensystemen sprechen, wie die Gegner von Einwanderung gerne behaupten, wenn sie die westliche und die orientalische Welt gegenüberstellen. Denn erstens gibt es mindestens ebenso viel Verbindendes wie Trennendes, was damit zusammenhängt, dass Kulturen sich schon immer gegenseitig beeinflusst haben, auch die arabische und die europäische, und dass sie dies in Zeiten der Globalisierung noch verstärkt tun. Letztlich ist Kultur deswegen immer »Multikultur«. Und zweitens sind sich die Motivationen und Intentionen von Künstler*innen, auch die Techniken von Kunstproduktion und die kreativen Prozesse auf der ganzen Welt naturgemäß ähnlich. Das mag banal klingen, aber diese Erkenntnis ist in seiner verbindenden Wirkung in Zeiten, in denen täglich die Unterschiede und eine vermeintliche – auf Herkunft und kulturelle Prägungen beruhende – Unvereinbarkeit betont werden, nicht zu unterschätzen

So war es für mich als Autor, dessen Arbeit zu einem großen Teil in der Produktion von satirischen und komischen Geschichten und Texten besteht, interessant, mit Mleihis Gast Rasha Abbas eine Autorin kennen zu lernen, die schon in Syrien satirische Kurzgeschichten produzierte und nach ihrer Flucht nach Deutschland logischerweise auch unsere gesellschaftliche Realität mit der Brille der Satirikerin betrachtet. Da Abbas‘ Texte auch in Deutsch vorliegen und während Veranstaltung gelesen werden, dauert es keine fünf Minuten bis ich nicht mehr die »syrische Exilautorin« vor mir sehe, sondern eine Kollegin, die ihr Handwerk beherrscht, die humorvoll, aber dabei scharf analysierend auf ihre Umwelt blickt. Und der ich mich dadurch nahe fühle. Natürlich ist dieser Blick von ihrer Herkunft und ihrer Biographie geprägt, so wie meine Texte durch meine Herkunft und mein Leben geprägt sind. Aber genau das interessiert mich bei der Rezeption von Kunst: Um die Ambivalenz und Balance von Wiedererkennen und Neukennenlernen, Bestätigung und Überraschung, Affirmation und Provokation.

Natürlich findet Arabesques in einer Blase statt. In der Blase der Künstler*innen und Kunstinteressierten. Aber es gibt viele Blasen und wenn in jeder Blase das passierte, was Arabesque möglich macht, wären viele Probleme in Bezug auf Migration, Flucht und die sogenannte »Integration« weniger dramatisch oder vielleicht gar nicht existent. Das Entscheidende ist hier, dass Menschen nicht auf ihre Herkunft oder einen Aspekt ihres Daseins – Geflüchtete*r oder Migrant*in – reduziert, sondern als Kulturschaffende ernst genommen, geschätzt und respektiert werden. Aber nicht nur Künstler und Künstlerinnen, auch andere Migrant*innen haben eine vielschichtigere Identität als die meisten Menschen sich bewusstmachen. Sie sind nicht nur Syrer*innen oder Afghan*innen, sondern auch Ärtz*innen, Köch*innen, Architekt*innen, Eltern, Söhne und Töchter, Liebende, Trauernde, Laktoseintolerante, vom Heuschnupfen Geplagte, Liebhaber*innen von bestimmten Büchern und Bands…

Ein Mathematiker aus München wird wahrscheinlich eher Gesprächsthemen mit einem Mathematiker aus Damaskus finden als mit einem LKW-Fahrer aus Hamburg. Oder auch nicht. Vielleicht haben auch der Mathe-Crack aus Syrien und der norddeutsche Trucker die meisten Gemeinsamkeiten, weil beide Metallica- oder Johny Cash-Fans sind, wer weiß das schon… Wer eine solche Haltung für naiv hält, hat noch nie als Gitarrist*in mit Musiker*innen vom anderen Ende der Welt an einem Lagerfeuer zusammen gesessenen und Beatleslieder gespielt. Und er hat sich noch nie mit den interessanten Kooperationen zwischen Musiker*innen aus verschieden Kulturen beschäftigt, z.B. mit der der amerikanischen Banjospielerin und Sinologin Abigail Washburn und chinesischen und mongolischen Folkloreensembles. Die dabei entstehenden Klänge erscheinen – vermutlich für beide Seiten – gleichzeitig ungewohnt und bekannt. Trotz der anfänglichen Fremdheit wird schnell klar, dass die Volksmusiken weit auseinanderliegender Länder sich in entscheidenden Bereichen manchmal sehr ähnlich sein können.

Auch bei Arabesques kommt übrigens Musik zum Einsatz. Das Old Damascus Duo bestehend aus Ahed Nofal (Oud) und Hadi Andywi (Percussion), bilden die feste »Showband«, die jede Ausgabe von Arabesques einrahmt und auflockert. Das virtuos spielende Duo ist aber nicht nur unterhaltsame musikalische Unterbrechung der intensiven Gespräche, sondern Teil des kommunikativen Konzepts. Beim zweitem oder dritten Besuch der Reihe beginnt man die arabische/orientalische Musik zumindest in Ansätzen zu verstehen, erkennt Muster und Tonleitern wieder, kapiert, wie das Zusammenspiel zwischen Melodie-Instrument und Schlagwerk funktioniert, hört aber zwischen den fremden Skalen irgendwann auch Bekanntes und beginnt so – wie schon in den Gesprächen – Gemeinsamkeiten festzustellen.

Rania Mleihis Reihe Arabesques ist eine große Bereicherung für das Programm des Schauspiel Hannover: Künstlerisch, politisch, menschlich. Erfreulich ist, dass dieses Angebot zur interkulturellen Kommunikation von einem sehr gemischten Publikum angenommen wird: Deutsche, Migrant*innen, jüngere und ältere Menschen, mehr künstlerische und mehr politisch Interessierte… Auf und vor der Bühne war diese Reihe ganz dialektisch sowohl eine Feier der Gemeinsamkeiten wie der Diversität. Mehr kann man von einer solchen Veranstaltung nicht verlangen. Oder um es mit einem anderen Zitat von Rio Reiser zu sagen: »Ich bin anders, weil ich wie alle bin und weil alle anders sind.«

von Hartmut El Kurdi

Fotos (c) Katrin Ribbe

Informationen zu Arabesques HIER.

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