Kriegsheimkehrer

Beitrag zur Erforschung der Kriegsneurose von Charles S. Myers

Anhand von zwei Fällen von Gedächtnis- Seh-, Geruchs- und Geschmacksverlust, eingewiesen in das Kriegskrankenhaus Duchess of Westminister. Die bemerkenswerte Ähnlichkeit der in diesem Aufsatz behandelten drei Fälle zeigt folgende Synopsis.

Erster Fall – Gemeiner Soldat, 20 Jahre alt. Aufnahme im Krankenhaus 05. November 1914. Die Nacht vom 28. auf den 29. Oktober verbrachte er in einem Bahnhof; »dort nicht viel geschlafen«, Am 31. Oktober erster Tag an der Front.  Sein Trupp zog von einem Schützengraben zum nächsten, in welcher bereits eine Kavallerie anwesend war, weswegen für den Trupp kein Platz war. Während sie sich zurückzogen, wurden sie von einer deutschen Kavallerie »gefunden«. Bis zu diesem Zeitpunkt fühlte er keine Angst, er habe es »vielmehr sehr genossen« und war in bester Stimmung, bis die Granaten neben ihm einschlugen.
Er versuchte nun, sich auf freier Fläche zurückzuziehen, auf beiden Knien versuchte er unter verhedderten Drähten entlangzukriechen als zwei oder drei Granaten explodierten. Als er versuchte, sich von der Verhedderung zu lösen, schlugen drei weitere vor und eine weitere Granate hinter ihm ein.  (Ein Augenzeuge in seinem Lazarett sagte es sei ein Wunder, dass er überhaupt entkommen konnte.) Nach den Explosionen gelang es ihm, sich von den Drähten freizumachen; dem Rest seines Trupps gelang bereits der Rückzug. Als die Befeuerung nachließ, konnte er sich wieder anschließen. Unmittelbar, nachdem die Granaten neben ihm explodierten, begann seine Sicht zu verschwimmen. Es schmerzte ihn, seine Augen zu öffnen und sie »brannten«, wenn er sie schloss. Das rechte Auge hatte es »schlimmer erwischt« als das linke. Im selben Moment ergriff ihn plötzlicher Schüttelfrost und kalter Schweiß brach aus, insbesondere in Nähe der Lenden.  Er glaubt, dass die Granate hinter ihm ihn am meisten erschreckte. – »Wie ein Schlag auf den Hinterkopf, aber ohne anschließende Schmerzen«  Die Granate vor ihm zersprengte seinen Hafersack und verletzte die Seite seines Körpers, anscheinend wurde auch sein kleiner Finger verbrannt. Es war diese Granate, so der Soldat »die ihn blind machte«.
Zwei Kameraden hakten ihn unter und führten ihn zur Krankenstation. Ab und zu öffnete er seine Augen, um zu sehen, wo sie hingingen, allerdings erschien ihm alles verschwommen außer im ersten Augenblick des Augenöffnens.  Er sah keine Dopplung von Gegenständen, sie schienen sich viel mehr »aufzulösen«. Er weinte die ganze Zeit, da er Angst hatte, komplett zu erblinden. In seinem Kopf spielte er die Situation immer wieder ab: Der Beginn des Angriffs bis hin zur Explosion der Granaten. In der Abrichtstation angelangt weinte und zitterte er immer noch; ein Arzt zu Pferde brachte ihn in das nächstgelegene Krankenhaus, in welchem er Brandy erhielt, in einem motorisierten Fahrzeug wurde er schließlich in ein anderes Krankenhaus gefahren. Hier kam er am 1. November an.  Er denkt, er habe im Fahrzeug geschlafen, an den Transport erinnert er sich überhaupt nicht. Vom ersten bis zum vierten November wurden seine Augen bandagiert, er erhielt Augentropfen, welche »furchtbar brannten«. Leichte Taubheit setzte ein, die aber verschwand. Am ersten November zitterte er unentwegt, in Gedanken musste er immer wieder den Moment von Beginn des Angriffs bis zur Explosion abspielen. Ab dem 3. November kein Zittern mehr.  Er sagt, er habe vom 30. Oktober bis zum 2. November nicht urinieren können. Es erfolgte auch kein unbeabsichtigtes Urinieren.
7. November – Er sagt, er habe seinen Geruchs- und Geschmackssinn seit der Explosion verloren, kann nun aber aufstehen.
9. November – Er wachte in der Nacht auf, weil er im Schlaf weinte. Er habe an »nichts Besonderes« gedacht und sich sofort zusammengerissen.
Versuch einer hypnotischen Behandlung.
13. November – Geschmacks- und Geruchssinn kehren zurück. Einschränkungen weiterhin im Sehfeld, allerdings auch hier bereits weniger.
15. November – Für seine weitere Behandlung wurde er nach England überwiesen.
27. November – Genereller Zustand hat sich verbessert. Er sei nicht mehr so »nervös«. Seine Sicht wird immer besser. Seit dem 1. Februar ist der Patient aus dem Krankenhaus entlassen.

Zweiter Fall – Unteroffizier, 25 Jahre alt. Der Patient sei 18 Stunden lang  auf dem Schlachtfeld vergraben gewesen, da eine Granate in der Nähe explodierte und den Schützengraben, in welchem er lag, zerstörte. Er erinnere sich an nichts bis zu dem Zeitpunkt, an dem er in einer Abrichtstation auf einem Strohbett erwachte. Er sagt, dass er nicht sehen konnte und über etwas stolperte, als er aufstand, um sich zu orientieren. Seit dem Vorfall schläft er schlecht, benötigt hohe Mengen an Whiskey, um überhaupt einzuschlafen. Seinem Aussehen nach zu urteilen, wirkt er gesund. Er spricht von Schmerzen im Bereich des Bauches, Rücken und Gliedmaßen, außerdem habe er Schwierigkeiten zu sehen. Wenn er in elektrisches Licht schaut, benötige er »Fünf Minuten, um überhaupt etwas erkennen zu können«. Herz, Lunge, Gelenke erscheinen normal, sein Geschmackssinn ist eingeschränkt. Er moniert, dass er nicht schlafen könne, die Stationsschwester jedoch sagt, er schlafe normal. Hypnosetherapie erfolgte, bis der Patient nach England überwiesen wurde. Unter Hypnose gelang das Wiedererlangen einiger Erinnerungen. So weiß er nun, dass er bis zum Genick vergraben war, und Sergeant L. ihn ausgegraben habe. Außerdem erinnert er, dass er im Schützengraben »ein oder zwei Gebete« sprach und dass »die Explosion uns in die Luft katapultierte. Es war so, als wär uns der Boden unter den Füßen weggerissen worden.  Ich wurde bewusstlos und hatte einen speziellen Traum, über den ich seither viel nachdenken musste. Ich weiß einfach nicht, warum ich gerade von einer jungen Dame träumte, die Klavier spielte. Ich weiß nicht mal ihren Namen und habe sie in meinem Leben nicht mehr als zwei Mal gesehen.«
Der Patient wird weiterhin behandelt.

Diese zwei Fälle zu kommentieren scheint überflüssig zu sein. Sie scheinen exemplarisch für viele andere Fälle von Soldaten, die einer Granaten-Explosion ausgesetzt waren. Diese Granaten schienen in beachtlicher Lautstärke hochgegangen zu sein, viel Staub aufwirbelnd. Sie schienen keinen Geruch freizusetzen. Es ist daher schwer nachzuvollziehen, warum der Hörsinn nahezu unverletzt blieb, jedoch aber Geschmacks-, Seh-, und Tastsinn in Mitleidenschaft gezogen und das Gedächtnis verloren wurde. Diese Fälle scheinen der einer (Kriegs-)Neurose sehr nah zu sein.

Textnachweis: Myers, Charles S.: A final contribution to the Study of Shell Shock; The Lancet; 11. Januar 1919 (Übersetzung Sarah Lorenz)

Dieser Artikel ist im CUMBERLAND COURIER, der Zeitung zur Theaterserie Eine Stadt will nach oben – Folge 5 + 6, erschienen.

Nächste Vorstellungen der Folgen 5 + 6: 03.01.18, 20:00 Uhr + 15.02.18, 19:00 Uhr

Collage: Eugen Schulz

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