Mit der Kunst am richtigen Ort: Interview mit Caro Haupt zu “Ich wollt’ ein Lied, DAS Lied, und kann’s nicht schreiben”

Der Ausgangspunkt für dein Projekt Ich wollt‘ ein Lied, DAS Lied, und kann’s nicht schreiben, war die Beschäftigung mit den beiden Frauen Bettina Wegner und Christa Wolf. Wie kam es zu dieser Idee?

Ich habe ein Feature über Bettina Wegner und ihre Geschichte in der DDR gehört. Darin wurden auch die Prozessaufnahmen ihrer Untersuchungshaft von 1968 verwendet. Diese Aufnahmen wurden zu Stasi-Schulungszwecken mitgeschnitten und aufbewahrt und waren in mehrfacher Hinsicht sehr berührend und eindrücklich für mich. Wegners Idealismus scheitert an der Wirklichkeit. Diese Diskrepanz und der daraus resultierende suchende Geist, die bestehenden Verhältnisse zu hinterfragen – das alles hat mich sehr interessiert und ich wollte außerhalb eines dokumentarischen Kontextes damit etwas machen.

Und wie kam Christa Wolf dazu?

Ich habe mich zuerst viel mit Wegners Lyrik beschäftigt. Außerdem wusste ich, dass auch die Musik in Form des Ostrocks an dem Abend eine Rolle spielen soll. Musik ist in ihren inhaltlichen Ausdrucksmöglichkeiten sehr vielschichtig, die rein textliche Ebene wird immer durch ihre Interpretation bereichert. So kann Vieles ungesagt gesagt werden. Etwas, das auch Christa Wolf in ihrer Literatur versucht hat. Außerdem habe ich explizit nach einem weiblichen Pendant zu Bettina Wegner gesucht. Wie sah es mit den Künstlerinnen in der DDR aus? Christa Wolfs Erzählung Was bleibt hat den Themenkomplex des Bettina-Wegner-Prozesses auf literarischer Ebene wunderbar weitergeführt und ergänzt: Wie kann ich schreiben, wie arbeiten, mit dem Wissen, dass ich permanent überwacht werde und mit meiner Meinung immer an der Grenze zur Illegalität stehe?

Das wäre wohl auch eine Verbindung zwischen den Frauen: Die Suche nach einer künstlerischen Ausdrucksmöglichkeit in einem System wie der DDR. Obwohl Wolf und Wegner ja auf sehr unterschiedliche Arten ihren Protest ausgedrückt haben, Wegner eher offensiv und Wolf eher durch ihre Literatur.

Genau. Sie haben sehr konträre Positionen innerhalb der DDR eingenommen. Trotzdem denke ich aber, dass beide der Glaube an eine sozialistische Idee einte. Beide hatten scheinbar das Gefühl, mit ihrer Kunst am richtigen Ort zu sein. Die Opposition war Antrieb und Gegenstand ihrer Arbeit. Sie haben die DDR nicht verlassen, wie viele ihrer anderen Künstler-Kollegen. Bettina Wegner musste sogar 1983 zwangsausgebürgert werden.

Christa Wolf hat auch Kassandra geschrieben und die Geschichte der mythologischen Figur weitergesponnen, die ausspricht, was in der Zukunft liegt, aber eigentlich offensichtlich ist. Niemand glaubt ihr, niemand versteht sie.

Auch Was bleibt thematisiert genau das: die Suche nach einer Sprache, die »das Sichtbare dem Unsichtbaren opfert« und »das unsichtbare Wesentliche aufscheinen lässt« und zwischen den Zeilen sagt, was sie als Autorin mitteilen möchte. Was damals im geteilten Deutschland das eigene Wort, die eigene Meinung, für staatliche Konsequenzen haben konnte – das ist bei uns heute, zumindest in Deutschland, ja überhaupt nicht mehr so. Wir dürfen in Deutschland fast alles sagen, die Zensur findet dafür eher sozial statt, medial und in sozialen Netzwerken.

Und was denkst du heute, wenn du an die DDR zurückdenkst?

Es gibt dieses Land schon so lange nicht mehr, wie es mal existiert hat, 28 Jahre. Ich bin älter als die Mauer gestanden hat. Die Sehnsucht nach einer Vision für gesellschaftliche Gegenentwürfe und alternative Systeme bleibt für mich aber bestehen.

Du bist noch in der ehemaligen DDR geboren, hast dann in Leipzig studiert und bist seit 2016 in Hannover. Spielte das »Ossi/Wessi«-Sein je eine Rolle?

Das erste Mal ist mir das erst in Hannover begegnet. Im Osten hat mich nie einer gefragt, woher ich komme. Hier schon. Es spielt in der Biografie-Abfrage eine Rolle und ist dann sicher auch mit bestimmten Vorstellungen besetzt. Aber diese vermeintliche Kluft ist überhaupt nicht mein Anliegen mit Ich wollt‘ ein Lied. Der Abend soll weder eine Stasi-Abrechnung, noch eine Ost-West-Aufarbeitung sein. Es geht mir um einen suchenden Geist, jenseits der Kategorien schwarz/weiß, gut/böse, oder eben Ost/West und das hat, finde ich, ganz viel mit uns heute zu tun. Die Suche dieser beiden Künstlerinnen in der DDR steht in diesem Fall stellvertretend dafür.

Interview: Anna-Katharina Müller

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