Wir brauchen nicht den Kampf, wir brauchen einen Ausweg

»Muß nicht jeder Arbeiter wenigstens soviel verdienen, dass er jeden Tag das notwendige Quantum Speise und Trank zu sich nehmen kann, um am nächsten Tag wieder arbeiten und schaffen zu können? Ja, muss er nicht auch so viel verdienen, um außerdem noch Wohnung und Kleidung für sich und die Seinen Besorgen zu können? Von allem anderen, Steuern, Beiträgen zur Kranken- u. Invalidenversicherung, Lektüre, Vergnügen usw. gänzlich abgesehen. Ist es ein Verbrechen, wenn der Arbeiter sagt, dieses ist die Mindestgrenze, unter der ist es nicht mehr möglich, zu existieren?«

In Linden befanden sich 2052 Arbeiter im Streik und 1400 Arbeiter waren ausgesperrt. Im Wirtschaftsraum Hanno¬ver-Linden lagen 7292 Arbeiter auf der Straße. Einen größeren Streik hatte man hier noch nie gesehen.
Zu dieser Zeit fand in Linden der erste größere Arbeitskampf dieser ereignisreichen Jahre bei der HAWA statt. Die Holzfacharbeiter waren in den Streik getreten, um eine günstigere Rege-lung der Akkord- und Überstundenarbeit zu erzielen. Hartnäckig verweigerte die Unternehmensleitung den Arbeitern jedes Zugeständnis. Um den Widerstand der streikenden Arbeiter zu brechen, warb die Firma im Ausland Streikbrecher an. Wie schon bei anderen Streiks wurden die aus Russland und Österreich herangezogenen Arbeiter streng von den Streikenden isoliert: vom Bahnhof aus wurden sie unter Polizeibewachung in geschlossenen Wagen zum Werksgelände transportiert, wo Unterkunftsmöglichkeiten in der Werkskantine geschaffen worden waren. Polizeipatrouillen sicherten das Werk und versuchten, die Streik-brecher gegen die Agitationsversuche von außen abzuschirmen. Trotz dieser Abwehrmaßnahmen konnten die HAWA-Arbeiter den Streik bis in den Mai aufrechterhalten. Nach nahezu dreimonatiger Dauer musste der Streik ergebnislos abgebrochen werden. Die Arbeiter waren hier – wie auch schon in anderen Fällen – an dem gut organisierten Einsatz der Streikbrecher gescheitert, von denen es hieß, dass die Unternehmerverbände regelrechte Reservearmeen ausländischer Streikbrecher in Deutschland aufgebaut hätten, die von Ort zu Ort reisend als Waffe gegen die Streiks eingesetzt wurden. Im Mai und Juni 1905 kam es zu mehreren Streiks in der Textilindustrie. Die Färbereiarbeiter bei der Mechanischen Weberei hatten Ende Mai eine Lohnerhöhung zum Ausgleich für Rationalisierungsmaßnahmen durchsetzen können. Anfang Juni 1905 streikten 600 Arbeiter der Hannoverschen Baumwoll-spinnerei und -Weberei und etwa gleichzeitig waren sämtliche Schneidergesellen in Hannover und Linden in den Streik getreten. Im Herbst des Jahres 1905 machten zwei Streiks bei der Mechanischen Weberei und bei der Hanomag deutlich, wie die in der Industriearchitektur der 1890er Jahre sich bereits abzeichnenden Rationalisierungstendenzen auch in der Arbeitsorganisation wirksam wurden und die Arbeiter zu Streiks veranlassten. Nachdem die Färbereiarbeiter bei der Mechanischen Weberei bereits im Frühjahr des Jahres einen Lohnausgleich für Rationalisierungsmaßnahmen erkämpft hatten, forderten die Arbeiter an den Webstühlen im Oktober 1905 eine Lohnerhöhung von 15% für die geplante Einführung des Vier-Stuhlsystems. Durch die gleichzeitige Überwachung von vier Webstühlen konnte die Produktion des Werkes erheblich gesteigert werden. Aber auch die Belastung der Arbeiter musste sich erhöhen und man forderte entweder die Beseitigung dieses Systems oder eine angemessene Lohnerhöhung. Die streikenden Arbeiter konnten erreichen, dass jedem Einzelnen die Entscheidung frei gestellt wurde, das Vier-Stuhlsystem bei entsprechendem Lohnausgleich anzunehmen oder aber unter den alten Bedingungen weiterzuarbeiten.
Ganz ähnliche Motive lagen einem Streik bei der Hanomag im September/Oktober 1905 zu Grunde. Die Arbeiter der Frä¬serei wurden im Akkord bezahlt. Die Einführung neuer Tech-nologien hatte in der Fräserei in der Vergangenheit die Produktionskapazität schon ständig erhöht, aber auch die Belastungen der Arbeiter verstärkt. Bediente früher der einzelne Fräser drei Maschinen, so mussten nun Ende 1905 sechs Maschinen über¬wacht und bedient werden. Trotz der höheren Belastungen und der gestiegenen Arbeitsleistungen war das Unternehmen nicht bereit, die Löhne anzuheben. Man ging davon aus, dass die Arbeiter einen Stundenlohn von 50 Pf. verdienen sollten, und glich dementsprechend den Akkordsatz den stetig vorgenommenen Verbesserungen der Maschinen und Apparate an. Die Arbeiter schätzten die erlittenen Lohneinbußen, gemessen an der Arbeitsproduktivität, auf bis zu 40% ein. Als im September 1905 das Akkordsystem wieder einmal zu Ungunsten der Arbeiter geändert werden sollte, legten die Fräser die Arbeit nieder. Die Arbeiter anderer Abteilungen solidarisierten sich mit den Fräsern und weigerten sich, deren Arbeit als Streikbrecher zu übernehmen. Nach und nach wurden daraufhin die Arbeiter von der Unternehmensleitung ausgesperrt; bis zum 7. Oktober waren 1400 Arbeiter der Hanomag ausgesperrt und später waren es 2000.
Bei den Arbeitern wurden die materiellen Ziele des Streiks betont. Die gestiegenen Wohnungsmieten und die allgemeine Teuerung der Lebensmittel würden, so hieß es in einem Flugblatt des Gewerkschaftskartells, die Arbeiterfamilien immer stärker zum Konsum von Pferde- und sogar Hundefleisch zwingen. Der Mindestlohn wurde zur Sicherung der unteren Grenze der materiellen Existenz verlangt. Die Unternehmer machten den Gewerkschaften zum Vorwurf, sie würden mit dem Streik die Übernahme der Macht in den Betrieben bezwecken. Auch wenn es sich hier um eine polemische Übertreibung handelte, so war doch deutlich, dass die Machtfrage von dem Streik berührt wurde. Es ging um die Position der von den Arbeitern geschaffenen Gewerkschaften. Bislang war es noch in keinem Industriezweig einer Gewerkschaft gelungen, als gleichberechtigter Verhandlungspartner anerkannt zu werden. Auch in diesem Streik waren die Gewerkschaftsvertreter von den Unternehmern ignoriert worden, und es mussten für jeden Betrieb einzeln Streikkomitees gewählt werden, die unabhängig voneinander mit den Unternehmensleitungen verhandelten. Trotzdem hatte der Streik durch überall einheitlich erhobene Forderungen die deutlich erkennbare Zielrichtung, die Position der Gewerkschaft zu stärken. Den Arbeitern ging es eben um mehr, als nur die Erfüllung der materiellen Forderung, es ging um mehr, als nur darum, die Reproduktionsbedingungen der Ware Arbeitskraft zu verbessern. Der Unternehmer sollte gezwungen werden, die selbst geschaffene Organisation der Arbeiter, in denen sich die Arbeiter als eigenverantwortlich handelnde Menschen zusammenfanden, anzuerkennen. Im Arbeitsprozess war der abhängig tätige Arbeiter allein auf seine Funktion als Träger der Ware Arbeitskraft reduziert. In der Arbeiterbewegung konnte er sich darüber hinaus als Mensch betätigen. Die Ignoranz der Unternehmer gegenüber den Gewerkschaften war dabei zugleich auch eine ständige Beleidigung der auf Anerkennung drängenden Arbeiterschaft. Dieser Metallarbeiterstreik von 1906, wie auch viele andere Streiks dieser Jahre, war über die Erfüllung der materiellen Forderungen hinaus auch ein Kampf um Emanzipation. In dem schon zitierten Flugblatt des Gewerkschaftskartells hieß es daher, man kämpfe auch gegen den »modernen Herrenstandpunkt (…), der in übermütiger Weise in dem Arbeiter nur den Lohnsklaven sieht, der unbedingt Order zu parieren hat«.
Die Metallarbeiter waren selbst nach mehrwöchiger Streikdauer nicht bereit, von den ursprünglichen Forderungen herunterzugehen. Erst unter dem Einfluss der gemäßigten Streikleitung wurde nach 10 Wochen ein Kompromiss akzeptiert. Die Festlegung eines Minimallohnes wurde nicht erreicht, dafür aber eine Anhebung der unteren Lohngruppen, Festlegung der l0-stündigen Arbeitszeit und Regelung der Überstundenarbeit. Der Streik wurde vom Arbeitersekretariat als ein Kampf be¬zeichnet, der »nicht nur in Hannover, sondern in ganz Deutsch¬land seinesgleichen in der Arbeiterbewegung sucht«.
Im Kampf gegen die schlechten Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie hatten die Arbeiter der Mechanischen Weberei im Frühjahr 1906 keinen Erfolg erringen können. Auch die Arbeiter der Hannoverschen Baumwoll-Spinnerei und -Weberei streikten im Juni 1906 um Lohnerhöhungen und besonders um eine Reduktion der 11 stündigen Arbeitszeit auf 10 Stunden. In einer Resolution erklärten die Spinnereiarbeiter: »In Erwägung, dass lange Arbeitszeit notwendig physisch und moralisch den Arbeiter schädigen muss und vor allem das Familienleben der Arbeiter mehr und mehr zu Grunde richtet; dass weiter nach den bisherigen Erfahrungen ein verkürzter Arbeitstag möglich ist ohne jede Schädigung der Industrie, beschließen die versammelten Arbeiter und Arbeiterinnen, an die Betriebsleitung das Gesuch um zehnstündige Arbeitszeit zu richten«.

Dieser Text ist in der ersten Ausgabe des Cumberland Courier, der Zeitung zur Theaterserie Eine Stadt will nach oben, erschienen.
Der Cumberland Courier liegt in Cumberland sowie in ausgewählten Cafés in Hannover aus.

Copyright Illustration: Andreas Alexander Straßer

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