Über die Begegnung, offene Räume, Brücken und den Austausch: Rania Mleihi über ihre neue Reihe Arabesques ab Januar 2019 in Cumberland

Liebe Rania, im Ankündigungstext für die neue Reihe Arabesques in Cumberland schreibst du, dass du in entspannter Atmosphäre Künstler*innen aus dem arabischen Raum zum Gespräch einlädst und versuchen möchtest, Brücken zwischen Heimat und Exil zu bauen. Was genau hast du vor und wie sieht das konkret aus?

Ich bin sehr aufgeregt und gespannt! Ich habe da ein Bild in meinem Kopf, das ich gern an diesem Ort, in diesem Theater und mit der Gesellschaft teilen möchte. Dieses Bild besteht aus schönen Begegnungen, ich möchte einen Ort schaffen, an dem wir uns als Künstler*innen und Menschen erst einmal sehen. Ich möchte einen offenen Raum finden, wo wir ganz frei Ideen und Kenntnisse, Erfahrungen, miteinander teilen können. Was eignet sich besser, als mithilfe der Kunst darüber zu sprechen? Ich glaube, wenn wir durch Kunst diese Brücken bauen, dann sind die Brücken wirklich echt und stabil. Ich habe immer den Eindruck, wenn man über Gefühle spricht, ist eine Ehrlichkeit und Offenheit wichtig. Und das ist ja auch das, was in der arabischen Kultur im Vordergrund steht. Und ich möchte Freude und Spaß vermitteln! Das ist etwas, was für mich persönlich im Leben wichtig ist. Wenn der Raum einmal im Monat offen genau dafür ist: Voilà!

Glaubst du, dass es ein Spannungsfeld zwischen den Begriffen Heimat und Exil gibt?

Ich bin gerade in einer Phase, in der ich persönlich weiterdenke: Was ist eigentlich Heimat, was Exil? Wieso heißt es eigentlich Exil, was genau ist das? Die persönlichen Erfahrungen spielen die größte Rolle, wenn man diese Begriffe definieren will. Ich habe keine Kontrolle darüber, was die Leute sehen möchten oder was man persönlich in einer Stadt erfährt. Ich weiß auch nicht, was du denkst. Aber über meine Erfahrung bin ich mir sicher, ich kenne meine Gefühle, Emotionen. Wenn wir damit anfangen, eine persönliche Definition zu finden, können wir ein kollektives, gemeinsames Bild schaffen. Wobei es nicht das gleiche und homogen sein soll! Alle sind verschieden. Heimat ist ein Begriff, der sich immer ändert. Der ändert sich, weil wir als Menschen uns auch verändern, man wächst, man lernt, tauscht sich mit anderen aus. Wenn ich meine Gedanken nicht ändere, wer bin ich dann? Bin ich ein Stein oder bin ich Wasser: Das ist für mich essenziell. Ich sage immer, dass ich wie Wasser bin. Ich habe eine bestimmte Beziehung zu Wasser.

Arabesques wird in fünf Ausgaben ab Januar zu erleben sein. Du hast fünf Gäste ausgesucht – wie hast du die ausgesucht, welche Beziehung hast du zu ihnen? Und wer wird der erste Gast im Januar sein?

Ich habe die Gäste nach Themen ausgesucht und nach bewundernswerten Leuten. Sie sind alle etwas sehr Besonderes in ihrem jeweiligen Bereich. Zu manchen habe ich sehr persönliche Beziehungen: der erste ist Dr. Ali Souleman. Er war mein Professor an der Theaterhochschule in Damaskus und hat in Oxford seine Doktorarbeit geschrieben. In meinem Studiengang war ich mit eine seiner ersten Schüler*innen. Nach dem Studium war ich seine Assistentin, wir haben zusammen verschiedene Projekte gemacht; Fernsehprogramme, Lesungen, die ersten arabischen Hörbücher usw. Ich habe mit ihm eine persönliche Reise gemacht – von der Studentin zur Kollegin. Als ich ihm das erste Mal begegnet bin, wusste ich, dass ich einen Schatz gefunden hatte. Man kann ihm unheimlich gut zuhören: wie er das Leben sieht, das Theater auf das Leben reflektiert, wie er seine Texte schreibt. Man kann ihn nur bewundern. Unser Thema war immer die Interkulturalität. Wie funktionieren Zivilisationen zusammen? Manchmal habe ich das Gefühl, dass diese Fragen früher einfacher zu beantworten waren. Jetzt ist der ganze Planet ein Ort. Es gibt nicht mehr die Differenzen zwischen den Menschen; es gibt nur Grenzen, Beschreibungen, die in den Köpfen der Menschen existieren. Real ist das nicht. Wir bauen uns ein Bild, in das wir den Anderen und das Andere hineinprojizieren. Wir möchten so gern dieses eine Bild haben – aber das Bild stimmt nicht mehr.

Es ist interessant, wie du das beschreibst, dass es früher – auch historisch – viel realere Bilder von Menschen gab. In das hat man reingepasst und das hat dann gestimmt.

Ich weiß gar nicht, ob das so ist. Es ist nur ein Gefühl. Aber wir haben heute viel mehr Möglichkeiten einander kennenzulernen. Wir sind ständig erreichbar. Theoretisch könnten wir uns sehr viel näher sein. Wenn man aber die Welt betrachtet, die Politik und die Richtungen sieht, in die sich das Weltgeschehen gerade entwickelt, kann man ja nur denken: oh nein! Das ist genau das Gegenteil – wir entfernen uns voneinander. Ich weiß darauf keine Lösung, keine Antwort. Aber ich habe viele Fragen. Und vor allem habe ich jetzt die Möglichkeit, gemeinsam mit meinen Gästen zu suchen, zu sprechen, andere Perspektiven zu zeigen und einzunehmen.

Es wird auch Rabih Mroué kommen. Er ist libanesischer Regisseur, macht Theater, Musik. Er hat sich als Regisseur sehr mit der politischen Situation in der arabischen Welt beschäftigt und auseinandergesetzt. Er spielt mit dem Verhältnis von Realität und Fiktion. Was ist Fiktion auf der Bühne? Er überrascht mit seinen Arbeiten immer wieder das Publikum, das am Ende aus der Vorstellung geht und sich fragt: stimmt das jetzt, was ich da gesehen habe, oder nicht? Ist es wahr oder fiktiv? Auch er gibt keine Antworten und ist begeistert, wenn die Leute im Anschluss zu ihm kommen und ihn fragen, ob alles wahr ist. Und er antwortet: ich weiß es nicht. Was glaubst du denn?

Das ist toll. Ich habe momentan oft das Gefühl, dass sich die Zuschauer*innen im Theater – aber auch anderswo – sehr nach einer stringenten Geschichtenerzählung sehnen. Es gibt ein großes Bedürfnis danach zu verstehen, alles zu entschlüsseln.

Es wird heute so oft gedacht, dass alles gefälscht sei – wir trauen der Geschichte der Gegenwart nicht mehr. Wer schreibt die Geschichte überhaupt? Und aus welcher Perspektive? Wie kann ich der Geschichte überhaupt vertrauen? – Ich kann es nicht. Deshalb gehe ich zurück zu den persönlichen Erlebnissen, die wie ein Kompass zu der Person funktionieren.

Es kommen außerdem drei wunderbare Frauen, Rebellinnen. Mey Seifan ist Choreografin und hat nach langjähriger Ballettausbildung in Damaskus ihr Tanzstudium an der Frankfurter Hochschule für Darstellende Kunst absolviert. Danach arbeitete sie sowohl in Deutschland als auch in Syrien, wo sie die Tanzinstitution TANWEEN gründete und die Damascus Contemporary Dance Platform ins Leben rief. Dort hat sie Leute wie Sasha Waltz und ihre Company nach Damaskus eingeladen. Das Festival hat nach der dritten Ausgabe leider nicht mehr stattgefunden, vor allem wegen der Finanzierung und der politischen Lage.

Wir hatten vor 2008 gar keinen Zugang, andere Künstler*innen außerhalb der syrischen Blase kennenzulernen. Wir haben Aufführungen aufgenommen, dann wurden die Videokassetten in die Theaterhochschule gebracht, wo wir sie zusammen angesehen haben. Jetzt ist Mey Seifan wieder in Deutschland und arbeitet hier. Vielleicht bringt sie auch ihre drei Kinder mit nach Cumberland!

Sulafa Hijazi ist bildende Künstlerin und hat Theaterwissenschaft in Damaskus studiert. Sie hat ihre Karriere als Autorin und Regisseurin von Animationsfilmen und anderen Multimedia-Produktionen begonnen. Dabei fokussierte sie sich besonders auf die Weiterbildung von Kindern und auf soziale Entwicklungen. Ihre Animationen sind sehr beliebt bei arabischen Kindern! In Frankfurt hat sie dann während des Studiums der Zeitgenössischen Kunst angefangen, mit Conceptual Art und multimedialen Formen zu experimentieren. Ihre Arbeiten wurden in vielen Galerien in ganz Europa gezeigt, auch im Netz kann man sie finden, in Zeitschriften und in Büchern. Sie ist die absolute Nummer 1 im Bereich der Visual Art. Das ist toll – und vor allem ist sie eine Frau! Ich bin sehr stolz und froh, dass sie bei uns sein wird.

Das sind alles so hochkarätige Künstler*innen, die du da eingeladen hast!

Ja, das ist aber auch etwas, was mir wichtig war. In Deutschland gab es in den letzten Jahren den Raum für jede*n, die eigene Kunst zu zeigen. Das ist ja auch super! Es ist eine große Gelegenheit für jede*n, der in seiner Heimat keine Chance bekommen hat. Manchmal ist man aber auch in einer wirklich schwierigen Situation: was ist, wenn mir eine Ausstellung von einem syrischen Künstler*in einfach nicht gefällt? Was soll ich dann sagen: es ist nicht gut? Irgendwie sind wir in einer Phase, wo man nicht offen mit Kritik umgeht, man sehr vorsichtig geworden ist. Aber ich will über die Kunst reden, nicht Sozialarbeit leisten.

Rasha Abbas kommt auch – eine ganz verrückte Kurzgeschichtenerzählerin. Sie hat so einen Psycho-Humor, sehr trocken, aber mit einer großen Klugheit. Sie schafft es wunderbar, ihren eigenen Humor in ihre Geschichten, in ihre Wörter, zu bringen. Ich will mit ihr über unsere Tragödien, unseren Schmerz, lachen. Sie soll auch etwas vorlesen, ihre Bücher sind auf Deutsch.

War es dir wichtig, dass du verschiedene Leute aus unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen einlädst?

Ich will einen Fokus auf die Kunst aus dem arabischen Raum legen, nicht auf einen bestimmten Bereich. Theater im arabischen Raum ist anders entstanden als hier in Europa. Es hat bei uns nicht mit den Griechen angefangen, sondern mit anderen Zivilisationen, Kulturen, die dort vor Ort waren. Die Trennung von Zuschauenden und Spielenden kam bei uns erst in den 1920ern. Es war vielmehr eine gesellschaftliche Entwicklung, es gab die großen Feste auf der Straße. Wenn ich auf der Straße bin, bin ich Spielerin. Die Passanten sind mein Publikum. Ganz automatisch. Theater fand im öffentlichen Raum statt. Theater ist Teil der Gesellschaft. Und hier zum Beispiel rückt eine andere Frage in den Vordergrund: Warum haben wir so wenig zeitgenössische Autor*innen im arabischen Raum? Es gab einen Widerstand, als die Autor*innen gegen die Regierung aufgestanden sind und irgendwann aufgehört haben zu schreiben. Als Protest. Zwischen Ende der 1970er und Anfang 2000 gab es in Syrien keine neuen Autor*innen. Um das zu verstehen, müssen wir zurück in die Geschichte blicken. Es ist schön, Geschichte durch die Biografien von Künstler*innen kennenzulernen.

Hadi Andywe und Ahed Nofal werden Arabesques musikalisch begleiten. Wo habt ihr euch kennengelernt?

In Damaskus. Aber wir kannten uns nicht wirklich, nur vom Sehen. Ahed hat auch an meiner Hochschule studiert, aber Musik. Die Hochschule besteht aus drei Etagen: oben wurde Ballett unterrichtet, in der Mitte Musik und unten Theater. Man hat nicht wirklich miteinander gesprochen, die Trennung war relativ klar. Ahed habe ich dann in Deutschland auf der Straße wiedergetroffen. So hat es angefangen. Ich liebe die beiden sehr. Hadi spielt Percussion und er ist richtig gut, hat einen eigenen Stil zwischen Europäischem und Arabischem. Sie sollen immer dabei sein, bei jeder Folge. Musik ist Teil unserer Kultur.

Ich freue mich sehr auf das, was wir da zusammen erfahren werden!

Interview: Anna-Katharina Müller

Arabesques, ab Januar 1019 monatlich in Cumberland

Further Projects