Über Distanz, Privatheit, Öffentlichkeit und das Erinnern

Regisseur und Schauspieler Mathias Max Herrmann im Gespräch über sein Projekt Das Wohnzimmer meines Lehrers

Das Wohnzimmer meines Lehrers ist ein Projekt, das man als sehr persönlich bezeichnen kann. Sie suchen an dem Theaterabend nach den Spuren und der Geschichte Ihres Schauspiellehrers, bei dem Sie in den 80er Jahren Schauspielunterricht in Mülheim/Ruhr genommen haben. Woher kommt die Idee, diesem Mann, Yoseph Millo, einen Theaterabend zu widmen?

Man sucht ja immer nach Möglichkeiten, Dinge zu bearbeiten und auszudrücken, die in einer Weise eine Relevanz haben. In diesem Falle ergab sich das fast wie von selbst: 2014 habe ich im Fernsehen, mal wieder, Bilder von den kriegerischen Auseinandersetzungen in Israel und Gaza gesehen. Mir fiel ein: Mein Lehrer, der kam doch aus Israel. Wenn ich mich auf seine Spuren begebe – er war schon 1997 verstorben – könnte ich ihm so wieder näher kommen, aber gleichzeitig auch dem Ort Israel begegnen. – Das hätte ich ohne den persönlichen Bezug sicher schwieriger gefunden.

Warum dieser Titel für die Inszenierung? 

Als ich angefangen habe, mich an meine Begegnung mit Millo zu erinnern, fiel mir zuerst der Ort ein, an dem der Unterricht stattfand: in seinem Wohnzimmer. In der nachträglichen Erinnerung ist es wie das Fenster in die Welt hinaus: Ich schaue nach draußen, aber eben durch Millos Wohnzimmer, mit seinen Augen. Damals waren mir die politischen Zusammenhänge noch sehr fremd. Es war die Zeit der ersten Intifada. Das Wohnzimmer ist wie eine Parabel. Der private Raum als Voraussetzung dafür, dass man sich aus der Distanz heraus ein Bild machen kann und gleichzeitig ist es ein Ort, der Gefahren birgt, wenn man sich nicht nach draußen begibt und sich nur noch zurückzieht – und wenn man, wie ich 2014, nur noch die Bilder sieht, die im Fernsehen laufen.

Im Vorfeld zu den Proben in Hannover sind Sie mehrmals nach Israel gereist, um Filmaufnahmen zu machen. Wie waren diese Reisen, was haben Sie sich vorher davon versprochen und mit welchen Eindrücken sind Sie zurückgekehrt?

Es war gleichermaßen überraschend und wie erwartet. Aufgrund der theoretischen Beschäftigung im Vorfeld dachte ich, dass in dem Moment, wo ich den echten Ort des Geschehens betrete, es sofort diffus und unübersichtlich wird. So war es dann auch. Man lernt viele tolle Leute kennen, sieht den Ort und erfährt ihn, und man muss anfangen, sich ein eigenes Bild zu machen.

Die genannten Filmaufnahmen werden eine große Rolle in der Inszenierung spielen. Gleichzeitig werden Sie auch live auf der Bühne zu erleben sein. 

Ja, es gibt eine andere Ebene, die ihrerseits wieder aus mehreren Ebenen besteht, nämlich Film und Video: Es gibt dokumentarisches Material, wo man tatsächliche Begegnungen mit Leuten sieht, und Aufnahmen, die vielmehr als gestalterisches Element im Raum funktionieren. Diese sind mit speziellen Linsen gefilmt. Sie haben einen anderen Rhythmus und sind teilweise fiktiv. Zu denen werde ich mich quasi live in Bezug setzen, und ich kann sie – je nachdem wie ich den Raum verändere – auch manipulieren.

In den Interviews wird zwischen Deutsch, Englisch und Hebräisch hin und her gewechselt. Wie wichtig ist das in der Auseinandersetzung mit dem Land Israel und wie wird in der Inszenierung mit Sprache umgegangen?

Es war für mich eine sehr interessante Erfahrung, weil Sprache dort als Werkzeug funktioniert. Dass Hebräisch in Israel gesprochen wird, ist das Resultat eines harten Kampfes. Und dass die deutschen Juden, die nach dem 2. Weltkrieg nach Israel kamen, Hebräisch sprachen, wurde mit krassen Maßnahmen durchgesetzt. Yoseph Millo war derjenige, der den deutschen Schauspielern in Israel als erster die Möglichkeit gegeben hat, ihre Arbeit als Schauspieler auszuüben. Auf der Bühne wurde Hebräisch gesprochen, hinter der Bühne Deutsch. Dass sie überhaupt als deutsche Juden da arbeiten konnten, war nicht selbstverständlich. Zufälligerweise hat es sich jetzt ergeben, dass wir auch auf den Proben Englisch sprechen, weil z. B. die Bühnenbildnerin Maret Tamme aus Estland kommt und das Thema Sprache uns auch weiter begleitet.

Im Untertitel heißt das Projekt „Das Betrachten der Welt vom Privaten her“. Was ist das Private?

Für mich ist die Annäherung an das Herkunftsland meines Lehrers maßgeblich. Ich suche nach Verbindungspunkten und der Lehrer ist einer davon. Das ist ein sehr persönlicher und emotionaler Vorgang. Es gibt aber auch ältere Anknüpfungspunkte, z. B. meine Kindheit, die durch die Kirche geprägt ist, deren Geschichten ja auch in Israel verortet sind. Dann fährt man dahin und es passiert gar nichts. Im Gegenteil. Ich war an den Orten – wo Jesus begraben wurde und wo er das letzte Abendmahl feierte – und denke: Das sind nur Geschichten. Es könnte alles auch ganz woanders sein.

Sie versuchen sich an Yoseph Millo so zu erinnern, wie Sie ihn vor 30 Jahren kennengelernt haben. Erinnerungen verblassen, verändern sich mit der Zeit – wird das auch ein Thema sein? 

Der Vorgang des Erinnerns schafft den Raum für Emotionen, Bilder und Fragen. Insofern ist es gut, diese Ungewissheit auszuhalten. Ich weiß, dass das Ziel nicht ist, feststellen zu können wie genau alles war, sondern: Was passiert, wenn ich mich erinnere. Wenn ich heute mit meinem Lehrer kommunizieren würde, müsste er auch akzeptieren, dass ich mich verändert habe und dass unser Wohnzimmer jetzt ganz anders aussieht.

Interview: Anna-Katharina Müller (Das Interview erschien zuerst in der Spielzeit, der Theaterbeilage der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung)

Das Wohnzimmer meines Lehrers. Das Betrachten der Welt vom Privaten her von und mit Mathias Max Herrmann

Premiere am 15. April 2018, 20:00 Uhr, Cumberland
Weitere Vorstellungen am 20.04., 11. + 19.05., INFOS & KARTEN

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