Vom Erinnern und Ermächtigen – UNORTHODOX Premierenkritik

Deborah Feldman wuchs in einer orthodoxen chassidischen Gemeinde in New York auf. In ihrer 2012 erschienenen Autobiografie erzählt sie die Geschichte ihrer Selbstermächtigung. Seit dem 26. Januar ist die Romanadaption in der Regie von Swantje Möller in Cumberland zu erleben.

Auf einem runden Podest, dessen Unterbau vollständig mit Büchern gefüllt ist, stapeln sich weiße Kartons. In ihnen verbergen sich Röcke und Blusen, verschiedenste Kuchen, Obst und extra virgines Olivenöl. Ein Inhalt nach dem anderen wird hervorgeholt und auf dem Podest verteilt, während den Zuschauer*innen eine Kindheitserinnerung Deborahs erzählt wird, in der sie ihre heimlichen Kuchendiebstähle aus dem Kühlschrank gesteht.
Zu sehen sind zwei Frauen, zwei Deborahs, die sich miteinander erinnern, einander helfen und zur Seite stehen, aber auch Rollen wechseln und Momente der Vergangenheit nachspielen. Zwischen Regeln und Verboten bleibt immer das Nicht-Verstehen.
Warum ist der Kontakt von Wolle auf der Haut und das Tragen von Rot verboten?
Warum muss sie im Alter von 17 Jahren einen Mann heiraten, den sie nicht kennt?
Will sie überhaupt heiraten?

Unaufgeklärt und voller Fragen stolpert Deborah in den Hochzeitsunterricht, der ihr die Regeln des Ehelebens, das Verhalten vor, während und nach der Menstruation und der Hochzeitsnacht beibringen soll. Von einer Situation in die nächste geworfen, rotiert Deborah wortwörtlich im Hamsterrad, denn alles, was sie tut oder was ihr misslingt, wird von der Familie überprüft. Schließlich wird sie schwanger, sie wird Mutter eines Sohnes. Und nun?
Sie will studieren, den Strukturen und den wertenden Blicken der Gemeinde entkommen.
An der Universität lernt sie eine Freundin kennen, die ihr das Frei-Sein zeigt. Bald werden die Röcke durch Jeans getauscht, sie trägt nun Rot. Sie geht aus, isst Lebensmittel, die nicht koscher sind, sie singt laut, schreibt wieder Tagebuch über ihr geheimes Leben und erhält einen Vertrag für ihr Buch. Dann ein Autounfall, der sie denken lässt, dass es doch einen Gott gäbe, der sie nun für ihre Sünden bestrafen wolle.

All diese Einblicke erleben die Zuschauer*innen in schnellen Szenenabfolgen, die atmosphärisch von der Musikerin Martina Lenzin untermalt werden. Regisseurin Swantje Möller erzählt das Leben einer Frau nach, die sich ihre Freiheit erkämpfen und sich selbst ermächtigen musste. Die Inszenierung bietet ein Spiel mit Blicken.
So erlebt das Publikum mal die Perspektiven der älteren, mal der jüngeren Deborah, die sich vor Hürden sieht, oder auf die Überwindung zurückblickt. Auch das Zusammenwirken der zwei Deborahs wird durch die Publikumssituation unterstützt. So ist der Raum unterteilt, die Mitte wird bespielt, die Zuschauer*innen finden sich auf gegenüberliegenden Seiten wieder und sind so auch immer wieder mit einem gespiegelten Blick auf ihre Position als Beobachtende konfrontiert. Ebenso sind Widersprüche in den erzählten Geschichten und dem Bühnengeschehen zu erkennen, die schnell auf die Absurdität der Regeln und Verbote verweisen.

Die kritischen Strukturen im Leben Deborah Feldmans sind zu einem Großteil unter einem patriarchalen Blick entstanden, in welchem sich die Frau* dem Mann unterzuordnen hat. Wunderbar ist die Tatsache, dass die Inszenierung und das Spiel vollständig ohne männliche* Rollen stattfindet.

Foto: Katrin Ribbe

Dieser Beitrag von Inke Johannsen ist zuerst auf www.schauspielhannover.blog erschienen.

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