Was ist das für eine Welt? Zur letzten Vorstellung von »Unorthodox« am 3. Mai 2019

Wie eingeengt kann eine Kindheit eigentlich sein – nicht Jahrhunderte vor unserer Zeit, nicht irgendwo am anderen Ende der Welt, sondern vor nicht einmal dreißig Jahren, in den USA, ganz real?

Deborah Feldman hat es geschafft, hat sich befreit – von den Zwängen, die ihre ultraorthodoxe Gemeinde ihr auferlegt hat. Die es Frauen ganz besonders schwer machen, gerade kritischen Frauen. Zwänge, die sie ihr gesamtes Leben lang eingeschränkt haben.

Keine rote Kleidung tragen.

Keine Bücher lesen.

In einer Familie leben, in der jeder darauf wartet, „spirituelle und körperliche Verfehlungen der anderen aufzuzeigen“ – aus Mitgefühl für deren „geistiges Wohlergehen“.

Was all das im Endeffekt bedeutet für ein junges Mädchen, das ist vermutlich schwer vorstellbar für jede Person, die es nicht selbst erlebt hat. Dennoch fühlt man sich, als wäre man die ganze Zeit über dabei gewesen, wenn Lena Sophie Vix und Susana Fernandes Genebra auf der Cumberlandschen Bühne aus dem Leben von Deborah Feldman spielen. Dass die ganze Geschichte sich tatsächlich so zugetragen hat, macht das Ganze noch bedrückender. Stumm sehen die Zuschauer auf Deborahs vergebliche Versuche, der Ungerechtigkeit nicht nachzugeben, beobachtend – und beobachtet, denn die zwei Hälften des Publikums sitzen sich frontal gegenüber, auf dem Präsentierteller genauso wie damals Deborah Feldman. Mal spielt die eine Darstellerin, mal die andere, manchmal beide die Protagonistin, die zurückblickt.

Auf die vermittelte Hochzeit mit einem Mann, den sie nicht kannte.

Auf die Doppelmoral ihrer Gemeinde, als ein Vater seinen eigenen Sohn ermordete und verstümmelte, weil dieser masturbiert hatte.

Auf die intimsten Details ihres Ehelebens, die im Cumberland ebenso in die Bühnenmitte gezerrt werden wie damals in Deborah Feldmans Gemeinde.

Und letztendlich auf ihren Ausstieg aus diesem Umfeld – als Zuschauer*in ein wunderbarer Moment, wenn es Deborah Feldman am Ende tatsächlich gelingt, aus dem Vorschriften-Käfig auszubrechen, in dem sie ihr Leben lang eingesperrt war. Die Unterdrückung ist vorbei, sicher steht Lena Sophie Vix oben auf dem imposanten Gitterrad, in das sie im Laufe des Abends immer wieder zurückkehren musste – die selbstbewusste, freie Frau hat sich durchgesetzt.

Was ist das für eine Welt, in der wir Belanglosigkeiten wie einen zu kurzen Rock bestrafen, aber Stillschweigen bewahren, wenn einer die Zehn Gebote bricht?

von Felix Augustin

Die letzte Vorstellung von Unorthodox ist am 3. Mai 2019 um 20 Uhr in Cumberland. Unorthodox-Autorin Deborah Feldman ist zum Nachgespräch zu Gast.

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